Der Themennavigator
von Deekeling Arndt Advisors
Keine Angst vor Grün-Rot!
Verfolgt man die Berichterstattung in der Wirtschaftspresse, droht nach den Wahlergebnissen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Große Bauvorhaben würden gestoppt, die Zukunft der Energieversorgung sei völlig offen und wirtschaftspolitische Vernunft werde zum Fremdwort. Sicherheitshalber halten es einige Unternehmen für richtig, schon mal prophylaktisch Anforderungen an Regierungen zu stellen, die noch nicht einmal im Amt sind.
Hier wird so getan, als sei der Wahlsieg der Grünen Ausdruck eines Linksrucks. Das ist er aber mitnichten!
Es ist vielmehr der Durchbruch der Grünen in die bürgerliche Mitte, deren Themen sie – wie keine zweite Partei derzeit in Deutschland – verstehen und deren kulturelle Bedürfnisse sie antizipieren, weil sie längst Teil dieser Mitte geworden sind. Winfried Kretschmann verkörpert dabei Werte, die in Baden-Württemberg hoch angesehen werden und die gleichzeitig als Leitplanken in einer immer komplexeren Welt Orientierung geben. Dazu gehören Werte wie Verlässlichkeit, Gerechtigkeit und sorgsamer Umgang mit natürlichen Ressourcen – auch mit der Ressource Zeit und Lebensqualität.
Zur Renaissance dieser Werte hat auch die schwarz-gelbe Bundesregierung unbeabsichtigt beigetragen. Das Aussetzen der Wehrpflicht, keine Steuersenkungen, die Debatte über Frauenquoten und jüngst die ruckartige Wende bei der Kernenergie hat deren Glaubwürdigkeit stark erschüttert. Da ist bei Grün-Rot vielleicht mehr Verlässlichkeit zu erwarten.
Was kommt jetzt auf Unternehmen zu? Oder andersherum gefragt: Wie sollten Unternehmen sich jetzt aufstellen?
Der designierte Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, gilt als konservativer, pragmatischer Grüner, der sich seinem Land – und seiner wirtschaftlichen Stärke – verpflichtet fühlt. Auch der Spitzenkandidat der SPD, Nils Schmid, gilt als pragmatisch und wirtschaftsnah. Für die wirtschaftspolitische Agenda der neuen Regierung – und mithin auch für das Klima zwischen Landesregierung und Wirtschaft – wird es vor allem darauf ankommen, ob die Wirtschaft selbst partnerschaftlich auftritt oder konfrontativ. Die besondere politische Konstellation der Koalitionspartner wird es für ihre Parteien leichter machen einen wirtschaftsfreundlichen Kurs mitzufahren, wenn die Regierung von dieser Seite nicht ständig angegriffen wird.
Partnerschaftliche Kommunikation
Abgesehen davon, dass auch eine grün-rote Regierung eine 100 Tage-Karenz in Anspruch nehmen darf, ist es nicht notwendig, die neuen Verantwortlichen gleich mit Forderungen via Medien zu überhäufen.
Hinterzimmerlobbyismus und Drohungen sind passé. Sie ziehen schon bei der Bundesregierung in Berlin nicht – erst recht nicht werden sie eine Landesregierung beeindrucken, deren grüner Ministerpräsident eine neue politische Kultur der Bürgerpartizipation etablieren möchte.
Viel interessanter für alle Beteiligten ist eine partnerschaftliche Kommunikation: Diese kann im Austausch von Ideen, der Darstellung wirtschaftlicher und technischer Innovationsleistungen bestehen und sollte vor allem ein Angebot der Wirtschaft beinhalten: die Bereitschaft an partizipativen Modellen mitzuwirken, die z. B. die Akzeptanz von Infrastrukturprojekten erhöhen und diese durchsetzbar machen.
Dabei wird es weniger um neue Abstimmungsverfahren als vielmehr um einen permanenten Dialog gehen. Die bürgerliche Mitte ist nicht politikverdrossen und sie sehnt sich nicht nach noch mehr Regulierung. Sie teilt aber auch nicht die Auffassung der FDP nach stärkerer Eigenverantwortung. Ihr Selbstverständnis liegt eher im selbstorganisierten und rücksichtsvollen Miteinander.
Für die bürgerliche Mitte sind Unternehmer Partner, die ihre eigene Rolle vorbildhaft wahrnehmen und den „ehrlichen Kaufmann“ verkörpern. Dieser Unternehmer führt sein Unternehmen mit einem Höchstmaß an Verantwortung – auch gegenüber dem Gemeinwohl –, Transparenz und sozialem Bewusstsein. Ein solches Unternehmerbild ist eine gute Voraussetzung für einen verbindlichen Dialog.
Eine gute Kommunikation zwischen Wirtschaft und Politik kann auch mit einer Grün-Rot geführten Landesregierung gelingen. Bundesweit interessieren in der Berichterstattung Themen wie Stuttgart 21 oder der Umgang mit den Landesanteilen an EnBW. Aber Landesregierung und -parlament haben natürlich darüber hinaus Entscheidungskompetenz z. B. bei Umweltschutz, Entsorgung, Flächenentwicklung und Straßenbau. Hier werden unternehmerische Belange berührt. Es ist zu erwarten, dass die neue Regierung hier neue Akzente setzt. Aber niemand wird glauben, dass ein Land wie Baden-Württemberg (oder Rheinland-Pfalz) erfolgreich regiert werden kann gegen die Interessen der Wirtschaft.
Eine erfolgreiche Kommunikation führt nicht über die Medien, sondern über den direkten, persönlichen Dialog. Und natürlich über das Parlament! Je knapper die Mehrheitsverhältnisse im Parlament, desto einflussreicher werden einzelne Abgeordnete.
Das Superwahljahr 2011 offenbart schon in den ersten drei Monaten, dass sich unsere Gesellschaft verändert – die Bürgerinnen und Bürger sind kritischer, Werteorientierungen verändern sich und neue Themen rücken in den Vordergrund. Darauf sollten sich auch Unternehmen einstellen und dem mit Transparenz und Dialogbereitschaft begegnen.
Keine Angst vor Grün-Rot!
Frauen in die Führung
Die Bundesregierung will gesetzlich einen Stichtag festlegen, an dem sich der Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten verdreifacht haben soll. Gelingt dies nicht, soll es von 2013 an eine sogenannte „Flexiquote“ geben, die gesetzlich verankert ist. Die EU-Kommission kündigte an, nach 2012 auch mit rechtlichen Instrumenten eingreifen zu wollen.
Auf Unternehmensseite bleibt Ratlosigkeit zurück, wie mit diesen Vorgaben umzugehen ist. Doch letztlich wird die Bewertung, die die Bundesregierung 2013 vornimmt, nicht allein anhand der vorliegenden Zahlen geschehen. Sie wird abhängen von den erkennbaren Bemühungen der einzelnen Unternehmen und der Kommunikation dieser Bemühungen in Richtung Politik und Gesellschaft.
Für die Unternehmensseite bietet die jetzige Ankündigung die Chance, sich aktiv um das Thema zu bemühen und die ersten Erfahrungen deutscher Unternehmen zu erörtern, die sich dem Thema Frauenförderung längst verschrieben haben. Zu diesen praktischen Erfahrungen kommt eine erkleckliche Zahl an Studien und Befragungen, die Aufschluss geben über die Hürden, die zu nehmen sind, und die unternehmerischen Chancen, die mehr Frauen in Führungspositionen bieten.
Wettbewerbsvorteil Vielfalt
Die bereits 2004 durchgeführte Catalyst-Studie „The Bottom Line: Connecting Corporate Performance and Gender Diversity“ hat einen Zusammenhang entdeckt, der später auch in anderen Analysen, unter anderem von McKinsey, bestätigt wurde: Firmen mit einem starken Frauenanteil im Topmanagement erzielen höhere Rentabilität als jene mit einem schwachen Frauenanteil. Nur mit einem höheren Frauenanteil an der Unternehmensspitze kann man, so der mittlerweile erzielte Konsens, der vielfältigen Wirklichkeit auf den Märkten gerecht werden, den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen begegnen und die bislang noch brachliegenden Potenziale heterogener Teams und weiblichen Führungsstils ausschöpfen.
Viele Unternehmen wenden bereits heute Instrumente an, mit denen sie gezielt individuelle Frauenförderung betreiben: Mentoring, Coaching, Networking sind in vielen Unternehmen bereits Standard. Erfahrene Personalentwickler und HR-Verantwortliche verweisen auf eine Überarbeitung der Prozesse bei Weiterqualifikation, Beförderung und Personalentwicklung. Damit sind insbesondere im mittleren Management auch Erfolge zu verzeichnen. Für Spitzenpositionen fehlt bisher allerdings der durchschlagende Erfolg. Die größte Hürde sehen viele immer noch in der vermeintlichen Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier hat sich allerdings viel getan. Doch viele Unternehmen, die Kinderbetreuungsplätze anbieten, haben dennoch keine Frau im Vorstand. Und: Wäre alles nur eine Frage der Kinderbetreuung, müssten zumindest die kinderlosen Frauen längst an die Spitze vorgerückt sein. Warum bevölkern also nicht mehr von den vielen kinderlosen, bestens ausgebildeten Akademikerinnen die Führungsetagen? Woraus besteht die „gläserne Decke“, an die sie offenbar stoßen?
Unterschiedliche Werteorientierungen
Eingespielte Führungsgruppen von Männern verfügen nachweislich über bestimmte Rituale und Mechanismen, die es ermöglichen, jede Kandidatin schlicht durchfallen zu lassen. Umgekehrt werden allerdings eben diese Rituale und Mechanismen oft als Begründung von Frauen genannt, warum sie Führungspositionen gar nicht erst anstreben oder nicht bereit sind, sich diese mit harten Bandagen zu erkämpfen. Dazu gehören sinnlose Präsenzrituale, wenig kulturelle oder persönliche Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Rollenerwartungen und Beschreibungen.
Executive-Search-Experten beschäftigen sich vorrangig mit der Frage, ob der Markt Bewerberinnen bereit hält, die für Vorstands- und Aufsichtsratspositionen geeignet sind. Je mehr Unternehmen weibliche Top-Executives suchen, desto öfter kommen sie zu einem Befund, der aufhorchen lässt: Die zentrale Botschaft sei, so erläutert die Personalberaterin Dr. Brigitte Lammers von Egon Zehnder International ihre Erfahrungen bereits 2008 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Man findet qualifizierte Frauen, wenn man sie finden will.“ Doch: „Wenn ich mit Frauen über einen Karriere fördernden Wechsel rede, hole ich mir leider weit häufiger einen Korb als bei Männern.“
Frauen gehen mit anderen Werten an die Gestaltung ihrer beruflichen Laufbahn heran, mit Macht und Geld allein sind sie nicht zu motivieren. Häufig werden Frauen immer noch anders als Männer in die Arbeitswelt hinein sozialisiert. Daraus ergeben sich unterschiedliche Durchsetzungsstrategien, unterschiedliche Werteorientierungen, andere Prioritäten.
Andere Strukturen und Prozesse sind gefragt
Wer beiden Geschlechtern den Zugang auch zu Spitzenpositionen eröffnen will, muss bereit sein, Strukturen und Prozesse zu überarbeiten – und offen sein für einen neuen Blickwinkel. Doch wie müsste ein Prozess gestaltet sein, der die alten Rollen, Praktiken und Routinen aufbricht und es einem Unternehmen ermöglicht, neue zu finden?
Eckpfeiler dieses Prozesses lassen sich aus klassischen Tranformationsprozessen ableiten:
- Ohne klare Ziele, die nicht nur ausgegeben, sondern deren Verfolgung auch sichtbar kontrolliert wird, drohen Veränderungsprozesse ins Leere zu laufen. Die Umsetzung der Ziele zu kontrollieren, setzt eine Quantifizierung voraus. Der Erfolg muss nachgehalten und gemessen werden können – regelmäßig und für alle sichtbar. Nur so werden die Ziele verbindlich.
- Die Kultur macht den entscheidenden Unterschied. Einstellung und Verhalten können sich nur ändern, wenn dies rational und emotional verstanden wird. Auf welche Widerstände trifft das Vorhaben? Wo genau liegen die Widerstände in diesem individuellen Unternehmen? Wie ist der Erfahrungshorizont der Akteure mit dem Thema? Welche Anekdoten, Geschichten und Erfahrungen erzählt man sich in dem Unternehmen, die Frauen fördern oder auch behindern könnten? Es braucht eine Kulturanalyse, denn die Hindernisse sind in jedem Unternehmen verschieden.
- Genderindikatoren erleichtern es, den Weg zu ermessen und schaffen Transparenz. Woran ist abzulesen, dass das Unternehmen auf dem Weg Fortschritte macht? Was zeigt an, dass sich etwas verändert? Indikatoren können zum Beispiel sein: mehr Bewerbungen von Frauen ab einer bestimmten Ebene, längere Verweildauer von Frauen im Unternehmen, mehr Männer in Teilzeit, andere Meetingstrukturen oder neue Abstimmungskonstellationen. Sie werden auf Basis der Analyse und des Ziels erarbeitet.
- Die Spitze treibt den Prozess. Prozesse, die gegen Widerstände Routinen durchbrechen sollen, müssen mit Nachdruck von Seiten des Vorstands versehen werden. Nur wenn der gesamte Vorstand und sein Vorsitzender das Vorhaben zu seinem eigenen macht und als strategisch wichtig erklärt, wird es im Unternehmen ausreichend ernst genommen.
- Alle Ebenen müssen involviert werden. Die Frage von Frauen an der Spitze kann nicht nur ganz oben gelöst werden. Frauen müssen auch auf anderen Ebenen gefördert werden. Und: Die Kultur, die es Frauen ermöglicht, sich an der Spitze als Gestalter des Unternehmens zu etablieren, muss alle Ebenen erfassen.
- Es braucht Vorbilder auf allen Ebenen. Der Vorstand treibt den Prozess. Frauen auf unterschiedlichen hierarchischen Ebenen müssen jedoch das positive Beispiel zeigen, das nicht nur als kommunikativer Beweis dient, sondern andere motiviert, es ihnen nachzumachen. Über diese weiblichen und männlichen Vorbilder wird erst sichtbar, welche Instrumente ein Unternehmen hat, um den Kulturwandel auch voranzutreiben.
- Die „harten“ Veränderungen in Prozessen und Strukturen müssen mit den vermeintlich „weichen“ kulturellen Themen verbunden werden. Nur wenn der Kulturwandel auch Einzug nimmt in konkrete Zielvereinbarungen auf allen Ebenen, kann sich das Denken langfristig verändern. Die Arbeit der Führungskräfte würde dann unter anderem auch daran gemessen, wie weit sie Frauen fördern, in ihrem Team integrieren und sie zu Topmanagerinnen ausbilden.
Intensive Dialogprozesse
Es braucht intensive Dialogprozesse, um langfristig eine Veränderung zu erzielen. Und dieser Dialog darf nicht nur Frauen betreffen, sondern muss das Unternehmen ergreifen. Wie wollen wir in Zukunft zusammenarbeiten? Wie sichern wir ein attraktives Arbeitsumfeld für alle Geschlechter? Dieser Dialog muss vom Vorstand angeregt, von den HR-Verantwortlichen unterstützt und von den Kommunikatoren gestaltet werden.
Wie bei allen Transformationsprozessen kommt es darauf an, die weichen und die harten Faktoren zu berücksichtigen. Es gilt, ein Programm zu entwickeln, in dem die alten Muster verabschiedet und die neuen angenommen werden können; ein Programm, das Ziele klar formuliert, sie messbar macht, ihre Umsetzung kontrolliert und auf den relevanten Ebenen die Akteure in die Pflicht nimmt.
Wer Transformationskompetenz mit den bereits vorhandenen genderspezifischen Personalinstrumenten kombiniert, hat gute Aussichten auf Erfolg. Natürlich muss er bereit sein, Veränderungen in Kauf zu nehmen. Doch den Unternehmen, denen es gelingt, „weiblicher“ zu werden, winkt nicht nur das Wohlwollen der Bundeskanzlerin. Sie werden in einem zentralen Aspekt der Nachhaltigkeit Pionierarbeit geleistet haben und damit können sie auch am Kapitalmarkt punkten. Denn damit wären sie nicht nur einem Trend gefolgt, sondern hätten echte Zukunftsfähigkeit bewiesen.
Frauen in die Führung
Lernst du schon oder drohst du noch?
Die Art von Wirtschaftsvertretern, Forderungen an die Politik vorzubringen, muss spätestens seit der Finanzkrise als anachronistisch gelten. Erforderlich ist ein besseres Verständnis für Politik und Gesellschaft.
Nahezu jeder Politiker hat Ähnliches schon erlebt: Der Vertreter eines Wirtschaftsverbands kommt mit düsterem Gesicht zum Bürobesuch und prophezeit den Untergang seiner Branche, sollte diese oder jene Regelung wirklich in Kraft treten. Wären diese Prophezeiungen alle wahr geworden, hätte so ziemlich jedes Regierungshandeln der vergangenen zwei Jahrzehnte zwangsläufig zum Ende des Standorts Deutschland geführt.
Natürlich dürfen rhetorische Übertreibungen – auf beiden Seiten – weiterhin zum politischen Geschäft gehören, auch bei der Vertretung der eigenen Interessen. Dennoch haben die so häufig bemühten Bedrohungsszenarien etwas Ermüdendes – ebenfalls für beide Seiten. Schließlich hat sich gezeigt, dass Deutschlands Wirtschaft aus eigener Kraft und eingebettet in kluge politische Entscheidungen bisher einigermaßen gut durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen ist. Und manches Unternehmen, das vor Jahren den Standort Deutschland verlassen hat, ist mittlerweile wieder zurückgekehrt oder betreibt zumindest einen Teil seines Geschäfts im Land.
Kern des Problems der Verständigung zwischen Politik und Wirtschaft ist indes nicht die Rhetorik. Diese offenbart doch nur ein tiefer gelegenes Problem: das gegenseitige Unverständnis der Motive, Interessen und Sichtweisen des Anderen.
Vorbei sind die Zeiten, wo grau gewandete Herren in Hinterzimmern Politikern bedeuteten, was ihrem Unternehmen helfen könnte. Die atemberaubenden Geschichten über einflussreiche Lobbyisten, die kurz vor der Verabschiedung noch ganze Gesetzesentwürfe drehten, werden vor allem von diesen selbst erzählt.
Schließlich hat die Berliner „Käseglocke“, wo manche in dem engen Miteinander von Politik, Medien und Unternehmen zu viel Nähe befürchten, gerade durch diese Nähe an Transparenz gewonnen. Die Politik – hin und wieder auch die Medien – sucht den Kontakt zur Wirtschaft, sie sucht ihn, um etwas zu erfahren über Branchen, Unternehmen, Marktlagen oder den Betriebsalltag, sie will Einschätzungen hören zu Entwicklungen in der Wirtschaft. Bei diesem Miteinander helfen Einblicke, Geschichten und Beispiele mehr als Bedrohungsszenarien. Umgekehrt können Unternehmen auch von der Politik viel erfahren oder sich die eigene Branche aus anderer Sicht spiegeln lassen.
Gegenüber der Politik tut – gerade aus der Realwirtschaft – eine andere Form der Kommunikation Not, und an den Ergebnissen gemessen tut sie sicher auch gut. Dabei ist es nicht notwendig, dass Unternehmen ihre Interessen verbergen. Sie vorzubringen ist genauso legitim, wie ihnen nicht zu folgen. Allerdings ist die den Vertretern einiger Wirtschaftsverbände zur Gewohnheit gewordene Art, Forderungen an die Politik vorzubringen, manchmal nahezu anachronistisch. Schließlich werden Unternehmen heute viel mehr als Teil der Gesellschaft angesehen, als das den Managern selbst überhaupt bewusst ist. Auch ein globaler Multi hat irgendwo seine Niederlassung und einen Standort, an dem Menschen leben und arbeiten.
Vielleicht hat gerade die Globalisierung mit ihrem Wettbewerb um die besten Standorte den Blick auf die Unternehmen seitens der Gesellschaft verändert. In jedem Fall hat sie den der Politik verändert, die oft komplexe Entscheidungen unter hohem Zeitdruck und ständiger öffentlicher Beobachtung und Kommentierung fällen muss. Dabei sind Informationen hilfreich und der sinnliche Eindruck aus den Unternehmen selbst – und nicht die hundertste Forderung nach niedrigeren Unternehmenssteuern.
Die Politik hat sich in den vergangenen Jahren in hohem Maße die Perspektive und damit ein Verständnis der Wirtschaft angeeignet. Viele Bundestagsabgeordnete verstehen sich gegenüber den Bürgern als Dienstleister und bezeichnen sie als Kunden. Öffentliche Haushalte werden nach wirtschaftlicher Buchhaltung geführt, und die politische Führung lernt aus der Führungstheorie von Unternehmenslenkern. Die Globalisierung zwingt zwei Welten zusammen. Wenn ein ehemaliger Ministerpräsident an die Spitze eines großen Unternehmens wechselt, wird diskutiert, ob er diese Aufgabe bewältigen kann. Was wäre eigentlich, wenn es umgekehrt wäre? Ein ehemaliger CEO als Ministerpräsident?
Selbst wenn dieser Rollenwechsel nicht vollzogen wird, ist es für Unternehmen notwendig, sich ihrerseits mit Instrumenten und Denkweisen der Politik vertraut zu machen. Was sagt mir meine eigene Marktforschung über gesellschaftliche Trends? Wie entwickelt sich die Arbeitswelt, wenn mein Unternehmen der Maßstab wäre? Und wofür gibt eigentlich die Stadt meine Gewerbesteuer aus?
Die Finanzkrise hat die Politik selbstbewusster werden lassen – nicht nur gegenüber dem Finanzsektor. Waren politische Entscheidungsprozesse Ende der neunziger Jahre gerade vielen Bankern viel zu langwierig, zu wenig international und zu vorsichtig, ja die Politik eigentlich ein überflüssiges Markthindernis, wurden in den langen Nächten während der Krise alle eines besseren belehrt: Auf einmal musste der Staat etwas verleihen, was im Finanzsektor plötzlich nicht mehr zu haben war: Geld und Vertrauen.
Unmittelbar nach diesen Entscheidungen war es die Politik, die ihr Tun erklären musste, als sei sie allein für das Desaster verantwortlich. Im Untersuchungsausschuss zur Hypo Real Estate, der im Sommer 2009 die Ereignisse aus dem Krisenjahr 2008 wie im Zeitraffer nochmals abspulte, gaben die vernommenen Zeugen aus dem privaten Bankensektor ihre Überraschung zu Protokoll, wie gewitzt das Bundesfinanzministerium mit ihnen verhandelt hatte, um die Bürgschaften des Steuerzahlers im Griff zu halten. Er habe viel gelernt, sagte der Chef einer deutschen Bank im Untersuchungsausschuss; nämlich, dass die Politiker die Verhandlungsergebnisse nicht etwa vor dem begrenzten Zuhörerkreis einer Hauptversammlung zu vertreten hatten. Nein: Steinbrück und Merkel „mussten das draußen erklären“, konstatierte er fast bewundernd.
Heute ist die Kommunikation des Bankenverbands fast wieder da angekommen, wo sie vor der Krise war – die Politik reguliere viel zu viel und mindere dabei den Gewinn der Kreditinstitute. Kein Wunder, dass viele Banken klagen, dass die Politiker in Berlin kaum mehr zu ihren Veranstaltungsabenden kommen.
Während der Einfluss des Hinterzimmerlobbyismus kleiner wird und die Politik selbstbewusster, müssen Unternehmen – allemal die, welche das öffentliche Interesse auf sich ziehen – heute auch gegenüber der Gesellschaft stärker in Erscheinung treten.
Letztlich hat der Streit um Stuttgart 21 doch deutlich gemacht, dass sich bei Entscheidungen, die die Infrastruktur oder unternehmerische Expansionswünsche betreffen, kurz: bei jeder neuen Betriebshalle, die genehmigt werden muss, die Unternehmen nicht mehr darauf verlassen können, dass die Politik ihre Beschlüsse einfach exekutiert und am Ende alleine den Leuten draußen erklärt. Dazu sind die Bürger zu selbstbewusst, Fakten zu transparent und letztlich unser politisches System auch nicht gemacht. In den großen Apparaten der Bundesministerien können Beamte nicht jede Entwicklung in der Wirtschaft präsent haben. Und beständig neue Leute „vom Markt“ in die Ministerien zu holen, kann das öffentliche Dienstrecht nicht leisten und der Staat sich noch weniger. Politik wird auf lokaler Ebene von ehrenamtlichen Bürgerinnen und Bürgern gemacht. Deren Zeit und Einsatzmöglichkeiten sind auch begrenzt.
Die Wirtschaft steht in der Zwiesprache mit der Politik keinen Unwissenden gegenüber. Dennoch kann die Politik nicht alles wissen – die Wirtschaft muss sie informieren und befähigen, vor allem aber muss sie sich selbst als Teil der Gesellschaft begreifen. Wer seinen Betrieb erweitern will, darf nicht dem Bürgermeister die gesamte Kommunikation überlassen, erst recht nicht, wenn es Streit gibt. Nicht alles, was in der Wirtschaft gedacht oder gewünscht wird, muss sich die Politik zu eigen machen. Sie vertritt Gesamt- und keine Partikularinteressen. Aber die Politik bedarf eines Eindrucks, eines Erlebnisses und einer Erzählung zum Thema, wenn die Wirtschaft verstanden werden will – und wenn die Politik richtig handeln soll. Alles andere schadet dem Standort Deutschland.
Der Artikel erschien in der Zeitschrift politik & kommunikation, Ausgabe Februar 2011.
Lernst du schon oder drohst du noch?
Druck aufbauen als Gebot der Stunde
Fachkräftemangel in Deutschland und Zuwanderung ausländischer Fachkräfte – das ist ein heikles politisches Thema. Die Zeit rennt allen Beteiligten davon. Es liegt an der Wirtschaft und den Unternehmen, ob die Politik jetzt die Weichen stellt.
Der jüngste Vorstoß der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen zur Lockerung der Zuwanderungsregelung für ausländische Fachkräfte stieß auf wenig Begeisterung. Und die politischen Bedenken bei CDU, insbesondere CSU, und SPD sind auch nachvollziehbar: Wie erklären sie gelockerte Zuwanderungsregelungen den Menschen, die seit Jahren Arbeit suchen oder um ihren Arbeitsplatz fürchten? Wie gestaltet sich die Integration der Zugewanderten?
Die Zeit drängt: Laut einer Befragung des DIHK erwarten 50 Prozent der Unternehmen in den kommenden fünf Jahren einen Fachkräftemangel im Bereich der Hochqualifizierten, 43 Prozent erwarten diesen über alle Berufsgruppen hinweg. Das Institut Zukunft der Arbeit schätzt eine Verringerung des Arbeitskräftepotenzials in Deutschland bis 2030 um rund sechs Millionen Menschen zwischen 20 und 64 Jahren. Diese Zahlen dürften auch der These des DIW nicht widersprechen, dass ein Fachkräftemangel nicht in den kommenden drei bis vier Jahren zu erwarten sei. Die Befürchtungen richten sich vielmehr auf die kommenden Jahrzehnte und entsprechen den Erwartungen an die demografische Entwicklung. Auch wenn diese Entwicklung z. B. für Mütter und ältere Beschäftigte große Chancen auf dem Arbeitsmarkt bietet, so wird das allein kaum den Fachkräftebedarf der nächsten Jahrzehnte ausgleichen können.
Noch ist Zeit zur Diskussion
Über Jahrzehnte hat Deutschland, ausgehend von der Anwerbewelle in den Sechziger bis Mitte der Siebziger Jahre, seine Einwanderungsbestimmungen eher auf die Abwehr denn auf die Zuwanderung von Arbeitskräften ausgerichtet. Sämtliche rechtlichen Regelungen, aber insbesondere die tatsächliche Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft, müssten jetzt überprüft und verändert werden. Wie die jüngste Debatte gezeigt hat, benötigt unsere Gesellschaft dazu Zeit. Diese Zeit hätte Deutschland jetzt noch – in zehn Jahren ist es dafür zu spät.
Die Vorschläge der Unternehmensverbände zur Lockerung der Zuwanderungsregelungen und zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte sind vielfältig. Sie lesen sich wie Handlungsanleitungen, die von der Politik nur umgesetzt werden müssen. So einfach – das zeigt die aktuelle Debatte – wird dies für die Politik allerdings nicht sein und so leicht sollten die Unternehmen es sich im eigenen Interesse auch nicht machen. Die Politik muss die Vorboten des Fachkräftemangels ernst nehmen und mutiger vorangehen. Dass es dazu einer sensiblen Kommunikation und Information bedarf, wissen Politiker selbst. Dass es allerdings jetzt schon Handlungsbedarf gibt, müssen Unternehmen deutlich machen: Druck aufbauen ist daher das Gebot der Stunde.
Parallel werden die Unternehmen selbst deutlich aktiver werden und die Attraktivität ihrer Arbeitsplätze bewerben müssen. Die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Integration verschiedener Gruppen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern steht dabei im Mittelpunkt. Und dabei geht es nicht nur um die ausländischen Fachkräfte, die wahrscheinlich zunehmend auch aus dem außereuropäischen Ausland kommen. Es geht auch um die älteren und die weiblichen Beschäftigten. Mit dem Bezug auf die lange Tradition mit ausländischen Mitarbeitern, ein bisschen Kinderbetreuung und dem Lob der Erfahrung älterer Beschäftigter wird es dabei nicht getan sein. Schließlich bedeutet Integration auch, die Offenheit in der bestehenden Belegschaft zu erweitern und diese zu unterstützen.
Die positiven Erfahrungen müssen bekannt werden
Konkurrenzängste und andere Konflikte kommen zutage, wenn traditionelle Rollenmodelle aufgebrochen werden. Frauen, die in Führungspositionen streben, können davon viel erzählen. Die Veränderungsbereitschaft scheint in der Frage weiblicher Führungskräfte allerdings mittlerweile auf gutem Wege zu sein. Dagegen ist die Arbeitssituation mit vielen älteren Beschäftigten noch Neuland. Jahrzehntelang hat man die über 60-Jährigen aus den Unternehmen herausgehalten. Jetzt gibt es bereits Pilotprojekte, wie ihre Präsenz im Unternehmensalltag wieder gestärkt und unterstützt werden könnte. Diese Projekte sollte es auch für die neue Einwanderergeneration geben.
Natürlich gibt es in Belegschaften vieler Unternehmen jahrzehntelang erprobte und erfolgreiche Integration von ausländischen Kolleginnen und Kollegen, z. B. in der Automobilindustrie oder dem Bergbau. Unternehmen und Verbände sollten diese Erfahrungen kommunizieren und Integration zu ihrem eigenen Thema machen. Denn ohne Beispiele aus der Praxis und ohne eine positiv gewendete Kultur des Gelingens kann es auch keine Veränderung der Einwanderungspolitik in Deutschland geben.
Druck aufbauen als Gebot der Stunde
Nach Stuttgart 21 − hat sich was geändert?
Stuttgart 21 wirft Fragen auf: Kann es sein, dass sich unsere Gesellschaft in drei Gruppen gespalten hat, die sich nicht mehr verstehen? Die Bevölkerung, die Politik, die Wirtschaft? Kann es sein, dass die Bürgerinnen und Bürger heute weitaus emanzipierter und selbstbewusster sind, als Politik und Wirtschaft es wahrhaben wollen, als viele Politiker und Wirtschaftsvertreter es heute sind?
Wir werden in den nächsten Jahrzehnten weitere Großprojekte in unserem Land haben, auf die wir nicht verzichten können. Und fest steht, dass nach den Protesten gegen Stuttgart 21 kein Unternehmen mehr so kommunizieren kann wie zuvor, wenn es Großprojekte plant und baut.
Doch was ist nach den Protesten gegen Stuttgart 21 eigentlich anders geworden?
Stuttgart 21 hat gezeigt, dass allein die Aussicht auf neue Arbeitsplätze und bessere Anbindung einer Region nicht mehr tragen. Bürgerinnen und Bürger fragen nach der Einschränkung der eigenen Lebensqualität, nach den Kosten für die öffentliche Hand, nach der Umweltbelastung, und sie artikulieren ganz konkrete Eigeninteressen, etwa bezüglich Baulärm oder der Entwicklung von Grundstückspreisen. Dazu kommt, dass Widerstand gegen ein Vorhaben sich heute leichter und schneller formieren und organisieren kann. So hat die Protestbereitschaft weite Teile der Bevölkerung erfasst, die vor einigen Jahren jede Teilnahme an Demonstrationen rundweg abgelehnt hätten. Deren Teilnahme führt dazu, dass die Erfahrungen erprobter Demonstranten kombiniert werden mit Fähigkeiten und Beziehungen einer sehr artikulationsfähigen, beziehungsreichen und selbstbewussten Bevölkerungsgruppe. Vielfach wird vermutet, dass der Protest auch Ausdruck einer Politikverdrossenheit ist, die die Legitimation von politischen Entscheidungen generell in Frage stellt. Dazu gesellt sich eine gewisse Unkenntnis oder Ignoranz gegenüber dem politischen Entscheidungsprozess und seinen Instanzen.
Eine emanzipierte Bevölkerung ist eine riesige Chance für Politik und Wirtschaft! Eine Chance, ihre Rollen in einen neuen Verantwortungskontext zu stellen und so gemeinsam mit der Bevölkerung unsere soziale und ökologische Marktwirtschaft zu stärken.
Also: Was ist nach den Protesten gegen Stuttgart 21 eigentlich anders geworden?
Ein Blick auf die Websites zahlreicher Branchenverbände gibt Aufschluss. Wo man hinsieht: Forderung nach klaren Rahmenbedingungen; Einklagen von Gesetzesnovellen; Verurteilung bürokratischer Hindernisse; Verweis auf Benachteiligung gegenüber Playern aus dem Ausland; Ruf nach schnellen und kompromisslosen Entscheidungen. Legitimieren sich Verbände dadurch, dass sie immer neue Forderungen an die Politik stellen? Und tun sie das oft nicht vor allem deshalb, weil sie Widerstand aus der Bevölkerung gegen ihre Vorhaben fürchten? Aber in welchen Verantwortungskontext stellen sie sich mit solchen Forderungen an die Politik? In gar keinen. Sie delegieren einfach nur die Verantwortung für was auch immer an die Politik, um sich im Zweifel später empören zu können: "Seht ihr, wir haben es ja schon immer gefordert!"
Stünde – nach den Protesten gegen Stuttgart 21 – den Interessenvertretern nicht besser zu Gesicht, die verschiedenen Protagonisten für und gegen ihre Vorhaben und Positionen an einen Tisch zu holen und mit ihnen die verschiedenen Optionen / Kosten-Nutzenaspekte im Vorfeld einer Gesetzesinitiative zu diskutieren und eine Moderatorenrolle zu übernehmen, resp. sich im Bündnis mit den örtlichen Industrie- und Handelskammern als selbstbewusster, erklärender, werbender Partner für nachhaltige, zukunftsfähige Lösungen zu präsentieren?
Ein Beispiel, wo ein solches Vorgehen zwingend erscheint, ist der dringend notwendige Energienetzausbau am Standort Deutschland. Hier droht Blockade, obwohl der Ausbau eine zentrale Voraussetzung für die politisch und gesellschaftlich gewollte Energiewende ist. Es böte sich geradezu eine besondere Chance für die Industrie und die Wirtschaftsverbände, in einem offenen und kontinuierlichen Dialog mit der Politik, gesellschaftlichen Gruppen und den Menschen im Land dieses zentrale Zukunftsthema gemeinsam anzugehen.
Ein solches Rollenverständnis sollte sich jeder Verband, jedes Unternehmen zu eigen machen: Nicht Lamentieren über die Gefährdung des Industriestandortes und Delegieren von Verantwortung an Politik, sondern offensiv Werben im Diskurs über die Pro und Contras mit der emanzipierten Bevölkerung − das ist die Aufgabe des modernen, verantwortlichen Wirtschaftsvertreters.
Nach Stuttgart 21 − hat sich was geändert?
Schauen wir in die Zukunft! Plädoyer für eine neue Verantwortungskultur zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
Seit dem Ende von Rot-Grün, spätestens aber seit den Bundestagswahlen 2009 ist klar, dass es keine verlässlichen Assoziationen mit den politischen Parteien gibt. Vorbei sind die Zeiten, als die CDU die Wirtschaftspartei war, die SPD die technikfreundliche Partei und die Grünen als die schlecht erzogenen Enkel der Sozialdemokratie galten. Rot-Grün hat die große Sozialstaatsreform gegen erhebliche Widerstände der eigenen Klientel durchgesetzt und ein pluralistischeres, toleranteres Deutschland sichtbar werden lassen. Grün ist weit über unser Land hinaus ein Lebensstil geworden, an dem heute keine politische Partei mehr vorbeikann, wenn sie von der Mitte der Bevölkerung unterstützt werden will.
In diesem Prozess hat die Bedeutung der Wissenschaft, das Verstehen von wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenhängen erheblich verloren. Es ist nicht mehr präsent, dass Wissenschaft und Wirtschaft für unseren Wohlstand, unsere Sicherheit, unsere Gesundheit, unsere Umwelt und unsere Lebensqualität wichtiger denn je sind. Die CDU befindet sich seit 2002 in einem grundlegenden Modernisierungsprozess, noch nie gab es ein so junges Kabinett in der Nachkriegsgeschichte. Selten war unklarer, was konservativ ist.
Die Modernisierung der CDU geht einher mit einer grundsätzlichen Neudefinition von Werten, ein Prozess, der gerade erst begonnen hat. Erahnbar ist, dass er in einen enormen Paradigmenwechsel für die Partei münden wird. Wenn Norbert Röttgen sagt, er möchte Politik aus dem Blickwinkel der Kinder gestalten, fällt einem eines der ersten Plakate der Grünen ein: "Wir haben die Erde von unseren Kindern geborgt."
Gleichzeitig macht die CDU die bittere Erfahrung, dass das Wirtschaftswachstum nach einer durch ihre Vertreter maßgeblich gemanagten Krise nicht automatisch auf ihrem Konto verbucht wird. In diesem Prozess bedarf es eines neuen Selbstverständnisses, einer neuen Kommunikationskultur unserer Wirtschafts- und Wissenschaftseliten gegenüber der Politik.
Es gilt zu verstehen, dass sich heute kein Politiker mehr als verlängerter Arm der Wirtschaft sehen kann. Es gilt zu verstehen, dass unsere Gesellschaft in ihrer klugen Mehrheit Politiker nicht mehr als "Übermenschen" sieht, sondern als Gestalter auf Augenhöhe. Es gilt zu verstehen, dass in einer Gesellschaft, in der Nichtregierungsorganisationen eine wachsende Bedeutung zukommt, Politiker erklären müssen, warum sie was tun. Sie müssen überzeugen.
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Dies ist durch die Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologien und durch den allseitigen Zugang zu Informationen nicht einfacher geworden. Zudem gibt es in unserem Land seit Jahren eine Kultur der sich beschleunigenden Political Correctness. Gerade die sozial- und geisteswissenschaftlichen Eliten zeigen sich außerstande, die sozialen Folgen wissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Erkenntnisse anders als aus der Perspektive ihrer vermeintlich bedrohlichen Konsequenzen darzustellen. Die Folge ist, dass sich der Diskussions- und Gestaltungsraum für Gesellschaft und Politik stetig reduziert.
Was bedeutet dieser kulturelle Wandel in Politik und Gesellschaft für die Wirtschaftseliten? Sie müssen lernen zu verstehen, in welch verändertem Kontext Politik heute agiert. Wirtschaftsvertreter müssen proaktiv die unübersehbaren Verständigungsprobleme zwischen Wirtschaft und Politik auflösen - auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt.
Die kulturelle Herausforderung, vor der die Wirtschaftseliten und die Politik in unserem Land stehen, basiert im Wesentlichen auf zwei Punkten: Erstens gilt es, dem Katastrophismus, der Angst-Epidemie in der Bevölkerung entgegenzuwirken und somit den Vorhang vor dem Fenster in die Zukunft aufzureißen. Zweitens muss der immer hartnäckigeren negativen Einstellung zur Globalisierung, zu allem Ökonomischen und nicht zuletzt allem Technologischen entgegnet werden. Lediglich zwölf Prozent der Deutschen glauben, dass die Zukunft besser werden könnte als die Vergangenheit. Die soziale Marktwirtschaft wird nur noch von 30 Prozent als Errungenschaft gesehen. Unser Land befindet sich in einem Zustand einer Angst-Epidemie und eines Zukunftsdefätismus. Dieser Zustand ist Indikator dafür, dass Ökonomie, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft immer weiter auseinanderfallen. Und dass in unserem Land Visionen, Entscheidungskraft, Begeisterung und Freiheit fehlen. Die Angst hat auch den Motor der Gesellschaft - die Mittelschicht - erfasst. Viele Menschen glauben, vor unlösbaren Problemen zu stehen, ihnen kommt das Leben unendlich kompliziert vor.
Es gibt aber auch Teile der Gesellschaft, die sich in unserem Land nicht mehr wohl fühlen, weil es eine neue Kultur des Antikapitalismus gibt, weil Leistung kein Wert mehr ist, weil es keine Kultur der Freiheit gibt, weil Wissen keine Relevanz zu haben scheint, weil die Angst die Gesellschaft zunehmend in nationalen Grenzkategorien denken lässt und weil es keine Diskurskultur gibt. Sie sind mit klugen Mädchen aufgewachsen und haben mit ihnen studiert, sie wollen keine Quotendebatten in der Wirtschaft führen. Sie wollen nicht jahrelange Schlachten begleiten, die für sie längst geschlagen sind. Diese Leute sind unsere klugen, gut ausgebildeten Kinder. Sie finden unser Land langweilig, wenig emanzipiert, es bietet ihnen weder Lebensqualität noch Perspektive. Viele unserer Kinder gehen nach einer guten Hochschulausbildung in die USA, nach Australien, und sie bleiben dort. Sie haben keine Lust mehr auf unsere simplifizierende Sicht auf die Welt, auf die alle Zukunftsdebatten abwürgende Political Correctness, auf unsere negative Haltung zu allem, was neu ist, was spannend sein könnte. Sie wollen gestalten, sie haben kein gebrochenes Verhältnis zu Elitebildung, aber sie wissen auch, dass man etwas tun muss, an sich arbeiten muss, Visionen haben muss. Diese jungen Leute sind in aller Regel keine Parteimitglieder. Sie wollen nicht in die Politik, weil sie die Debatten in unserem Land nicht spannend finden. Sie sind Kosmopoliten, die Gewinner der Globalisierung und kämen im Traum nicht auf die Idee, an irgendwelchen Anti-Globalisierungs-Happenings teilzunehmen. Sie finden das kindisch und rückwärtsgewandt.
Wirtschaft und Wissenschaft stoßen seit Jahren keine wirklichen Debatten mehr an und führen ein "Schattendasein" in unserer Gesellschaft. Sie haben es nicht vermocht, den Nutzen ihres Tuns für das Gemeinwohl, für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes und somit für den Wohlstand unseres Landes zu kommunizieren. Die Wirtschaftseliten waren nicht in der Lage, den Nutzen ihres grenzüberschreitenden Engagements, ihr Agieren auf den globalisierten Märkten als Chance positiv erlebbar zu machen. Sie werden nicht als verantwortliche Gestalter einer besseren Welt gesehen. Vielmehr werden sie mit Arroganz und schnellem Geld assoziiert. In der allgemeinen Wahrnehmung stehen sie zumeist für eine alte, überlebte Unternehmenskultur.
Demokratie lebt von Diskursen, vom Wissensaustausch, von Aufklärung und Kommunikation gerade über das Tun und Forschen der Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft. Demokratie kann sich nur weiterentwickeln, wenn über Antworten auf Zukunftsfragen in der Gesellschaft verhandelt, gestritten, abgewogen wird, wenn es einen Wissenstransfer gibt, wenn alle Akteure sich an diesen Prozessen beteiligen. Diese komplexe Herausforderung und Verantwortung dürfen Wirtschaft und Wissenschaft nicht länger an die Politik delegieren. Sie sollten erkennen, dass es in ihrem ureigensten Interesse ist und der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft dient, wenn es eine lebendige Kultur des Marktes gibt. Eine Kultur des Marktes, eine Kultur der Freiheit, eine des Nachdenkens entwickelt sich durch die Träger des Marktes, seine Akteure. Sie müssen raus aus ihren Nischen.
Zu oft neigen unsere Wirtschaftseliten dazu, ihre Kommunikation mit Gesellschaft und Politik auf eine "Rhetorik des Kalten Krieges" zu reduzieren - nach dem Muster "Sonst gehen wir eben, und Deutschland wird zur Wüste". Dies ist eine Rhetorik, die als Erpressung wahrgenommen wird. Dieses Land braucht einen Aufbruch, es braucht Begeisterung, Visionen, Freiheit und Konsultationen auf Augenhöhe. Sich dieser Herausforderung zu stellen sollte auch eine intellektuelle Herausforderung für unsere Wirtschafts- und Wissenschaftseliten sein.
Unsere Gesellschaft zu einer kreativen, gestalterischen Wissensgesellschaft zu befähigen, setzt voraus, dass Wirtschaft und Wissenschaft aktiv darangehen, die Denkblockaden, die sich dank unserer Meinungseliten aufgebaut haben, durch das bessere Argument abzubauen. Eine aktive, lebendige und handelnde Wissensgesellschaft setzt Stehvermögen, Diskursbereitschaft und Verantwortungsübernahme unserer Wirtschafts- und Wissenschaftseliten voraus. Diese Herausforderung anzunehmen und dieses Stehvermögen wieder zu erlernen, das ist die Voraussetzung für eine Wiederbelebung eines Zukunftsdiskurses in unserem Land. Wir brauchen einen Diskurs, der eingebildeten Behauptungen wie "Globalisierung macht arm" mit Fakten begegnet und so das kreative, intellektuelle und technologische Potenzial in diesem Land wieder sichtbar werden lässt.
Wenn Wirtschaft und Wissenschaft dazu bereit sind, werden sie erleben, dass sich auch die Gestaltungsmöglichkeiten von Politik verändern. Sie werden erleben, dass unser Land wieder attraktiv ist für die klugen Hochschulabsolventen, dass die Zustimmung zur sozialen Marktwirtschaft wächst und Ängste schwinden.
Wir brauchen diesen Durchbruch, die Zeit des "Small area thinking" ist vorbei. Zukunft ist keine Machtfrage, Zukunft ist eine Gestaltungs- und Verantwortungsherausforderung. Unsere Wirtschafts- und Wissenschaftseliten sollten sie annehmen und sich ein Vorbild an ihren Kolleginnen und Kollegen der zahlreichen Think Tanks der Welt nehmen.
Margareta Wolf ist Senior Advisor bei Deekeling Arndt Advisors. Sie war 13 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages – als wirtschaftspolitische Sprecherin im Fraktionsvorstand Bündnis 90/Die Grünen, als Parlamentarische Staatssekretärin und Mittelstandsbeauftragte im Bundeswirtschaftsministerium. Bis Ende 2005 war sie Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium.
Der Beitrag erschien am 15. September 2010 auch in der Welt und auf Welt Online.
Schauen wir in die Zukunft!
Plädoyer für eine neue Verantwortungskultur zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
Die Chance der Grünen für einen politischen Aufbruch
Die Umfrageergebnisse der Demoskopen für die Grünen sind beeindruckend: Seit zwei Wochen kommen sie bundesweit auf bessere Wert als die SPD, die nur noch auf Rang drei landet. Das ist Ausdruck der Tatsache, dass grün als Lebensstil in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es ist aber auch Ausdruck einer Verschiebung: Wer von uns kennt nicht jemanden, der bei den letzten Bundestagswahlen zum ersten Mal FDP gewählt hat, weil er/sie die dringende Notwendigkeit sah, dieses Land wieder in Bewegung zu bringen, um den Mehltau. den die großen Koalition über das Land gelegt hatte, wegzublasen, Dynamik und Reformen ins Land zu bringen.
Das Signal ist von der Führung der FDP als persönlicher Sieg interpretiert worden, dieses nachhaltige Nichtverstehen, dieser Tunnelblick hat die FDP innerhalb von 10 Monaten zur Fünf-Prozent-Partei degradiert.
Den Grünen sollte das Mahnung und Herausforderung zugleich sein.
"Wir sind nicht ausreichend auf die Zukunft vorbereitet. Unser Fundament hat Risse. Die schlechteren Tage der letzten Jahre könnten auf lange Sicht die besseren gewesen sein,"- so beschreibt Peer Steinbrück die Herausforderung vor der wir stehen. Er sieht tektonische Verschiebungen durch den Einflussverlust von Europa auf uns zukommen.
Angesichts dieser Analyse, die von vielen Menschen geteilt wird, bedarf es eines gesellschaftspolitischen Diskurses, einer wirtschafts- und sozialpolitischen Offensive, die den Blick weit über nationalstaatliche Grenzen hinaus öffnet. Es bedarf einer Debatte über die Frage, wie wir leben wollen unter den Bedingungen der Globalisierung. Es bedarf einer Debatte über die Frage, wie sich unsere Gesellschaft fit und wettbewerbsfähig macht in einer globalisierten Welt.
Die Grünen sind traditionell die Partei, die solche Diskurse anschieben kan. Sie sollten und müssen es tun, wollen sie die Umfrageergebnisse bis über die nächste Bundestagswahl hinaus als Gestaltungsmehrheit halten.
Dazu bedarf es einiger Elemente eines wirtschaftspolitischen Diskurses, der über die grüne New Deal Strategie hinaus geht. Dazu bedarf es eines sozialpolitischen Diskurses, der nicht bei Bürgerversicherung und Mindestlöhnen stehen bleibt. Dafür ist eine energiepolitische Debatte unausweichlich, die die offensichtlichen Chancen von Kohlendioxid-Speicherung (CCS) und die Notwendigkeit vom Netzneu- und ausbau offensiv diskutiert. Wir brauchen eine Mobilitätsdebatte, die nicht beim Elektroauto aufhört, sondern die Fragen und Chancen urbaner Mobilität in einen intellektuell spannenden und gesellschaftspolitisch anspruchsvollen Kontext stellt.
Nicht wirtschaftspolitisches cocooning durch ein einseitiges Setzen auf ein weitgefächertes Sparkassennetz ist zukunftsfähig, sondern ein Angebotswettbewerb im Interesse einer nachhaltigen Volks- und Finanzwirtschaft.
Erforderlich ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens, der die Ängste vor der Zukunft gestalterisch in neue Ideen und Innovationen umlenkt, die anstecken. Dazu braucht es einen Wettbewerb um die beste Konzepte, um Konzepte, die die Bürgerinnen und Bürger emanzipieren, ihnen Selbstbewußtsein vermitteln, sie zu einem mehr an Freiheit und Wettbewerb in der globalisierten Welt zu befähigen.
Es geht um die Frage, welche wirtschaftlichen und sozialen Instrumente nötig sind, um zu mehr Selbstständigkeit zu kommen und der Kreativwirtschaft einen gesellschaftlich sichtbaren Stellenwert zu verleihen, der ihrer volkswirtschaftlichen Dimension gerecht wird. Es geht um die Frage, wie die Brücken zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wieder aufgebaut und für die Zukunft tragfähig gemacht werden können.
Es darum, Netzwerke zu bauen, die weit über das klassische Klientel der Grünen hinausgehen: Sie müssen streiten, sie müssen Offenheit zeigen, sie müssen mit den Klügsten des Landes zusammen um Konzepte ringen. Die Grünen können die Plattform für einen intellektuellen wirtschafts- , sozial-, und wissenschaftspolitischen Aufbruch sein. Beweise dafür gab es vor der Regierungsbeteiligung 1998 und danach genug.
Die Umfrageergebnisse sind Mahnung und Aufforderung, sich dieser Herausforderung zu stellen. Die Bürgerinnen und Bürger hinter den Umfragen sind anspruchsvoll und sie sind klug, sie erwarten mutige Debatten, sie wissen , dass die Zukunft und die Wettbewerbsfähigkeit komplexe und intelligente Antworten erfordern. Sie lehnen intransparente Hinterzimmerklientelpolitik genauso ab, wie reduzierte Selbstvergewisserung durch Glaubenssätze und Verbalradikalismen .
Dieser Herausforderung müssen sich die Grünen stellen im Interesse der Zukunftsfähigkeit unseres Landes, im Interesse der Zukunftsfähigkeit Europas in einer sich verschiebenden Tektonik der Welt.
Wann, wenn nicht jetzt!
Margareta Wolf ist Senior Advisor bei Deekeling Arndt Advisors. Sie war 13 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages – als wirtschaftspolitische Sprecherin im Fraktionsvorstand Bündnis 90/Die Grünen, als Parlamentarische Staatssekretärin und Mittelstandsbeauftragte im Bundeswirtschaftsministerium. Bis Ende 2005 war sie Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium.
Der Beitrag erschien am 17.10.2010 auch im Handelsblatt.
Die Chance der Grünen für einen politischen Aufbruch
Unter verschärfter Beobachtung - Warum Unternehmen sich in der Krise mehr denn je erklären müssen
"Unser Land braucht Unternehmen, die soziale Verantwortung übernehmen", sagt die Politik. "Wir brauchen Unternehmen, die auch jetzt nicht in ihren Klimaanstrengungen nachlassen", mahnt der Chef eines großen Umweltverbandes. "Die Welt braucht Unternehmen, die sich nicht ausschließlich über Rendite definieren", befindet der Friedensnobelpreisträger.
Unternehmen haben es nicht leicht, den Ansprüchen ihrer Stakeholder gerecht zu werden – schon gar nicht in der aktuellen Wirtschaftskrise. In einer Situation, in der Großkonzerne um finanzielle Unterstützung des Staates buhlen und in der manch einer an den Grundfesten unseres Wirtschaftssystems rüttelt, geraten sie mehr denn je ins Rampenlicht. Hat das Unternehmen ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell? Welchen Beitrag leistet es für unseren Standort und für die Gesellschaft? Ist es eines, dem man hinreichend Investitions- und Innovationskraft zutraut? Und wird es nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern auch nach moralischen Maßstäben "anständig" geführt? Politik, Medien, Bürger – sie alle reden mit, wenn es um vermeintlich ureigene unternehmerische Belange geht.
Gestörte Beziehung
Schon lange bevor die jüngste Wirtschaftskrise die Welt heimgesucht hat, mussten Unternehmen lernen, sich im Spannungsfeld unterschiedlicher Anspruchsgruppen und widerstreitender Interessen zu bewegen. Die Krise macht diese Aufgabe nicht einfacher, denn nun schaut die Gesellschaft noch sehr viel genauer hin. Der Blick konzentriert sich dabei auf jene, die nach allgemeinem Dafürhalten zu verantworten haben, was schief gelaufen ist: die Manager und Führungseliten.
Ihnen misstraut man in der Krise mehr als zuvor. So wird Topmanagern nur noch von 33 Prozent der Menschen in Europa und den USA Vertrauen entgegengebracht, wie das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK in einer im Juni 2009 veröffentlichten Studie herausgefunden hat (2008: 36 Prozent). In Deutschland sind es gar nur 15 Prozent der Befragten! In keinem anderen Land ist die Vertrauenskrise zwischen Bürgern und Managern so evident wie bei uns.
Volkes Zorn
Unternehmenslenker sind in dieser Gemengelage gut beraten, sich noch sorgfältiger als bislang mit den Erwartungen und Anforderungen der unterschiedlichen Stakeholdergruppen auseinander zu setzen.
Zum einen mit einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit. Sie verfolgt unternehmerisches Wirken jetzt mit doppelter Wachsamkeit. Was ein Wirtschaftsunternehmen tut und was es lieber sein lässt, wird ohnehin nicht mehr allein in den Managementetagen, sondern immer mehr auf dem Markt der öffentlichen Meinung entschieden. Immer häufiger hängen zum Beispiel Erfolg oder Scheitern großer Investitionsvorhaben in Deutschland vom guten Willen des Volkes ab. Bürger machen mobil, sobald sie sich durch unternehmerisches Handeln in ihrer Freiheit eingeschränkt oder Umwelt und Gesundheit in Gefahr glauben. Das von manchen unterstellte Versagen des Systems wird diese Klientel darin bestärken, Unternehmungen der Privatwirtschaft in Frage zu stellen, denn „denen da oben“ traut man nun noch weniger über den Weg.
Die Medien wiederum greifen solche Konflikte dankbar auf. Getrieben von der Jagd nach Auflage berichten sie vielfach holzschnittartig, statt Hintergründe sorgfältig zu beleuchten – und schüren manchmal so erst den Skandal. Ein Trend, der sich in Zukunft noch verstärken dürfte, schließlich geht die Wirtschaftskrise auch an den Verlagen nicht spurlos vorbei.
Veränderte Spielregeln
Zum Zweiten ist der Kapitalmarkt zu bedienen. Die Erschütterungen der Finanzkrise haben die Spielregeln verändert. Nicht mehr kurzatmige Performancebetrachtungen, sondern Langfristperspektiven und Nachhaltigkeit sollen die Kursphantasie beflügeln. Zwar ist noch immer das nackte Zahlenmaterial wichtig. Aber daneben gewinnen grundsätzliche Parameter wie Geschäftsmodell, Strategie und Marktbewertungen an Bedeutung – und werden deutlich stärker hinterfragt: Wo soll euer Wachstum überhaupt herkommen? Warum seid ihr euch so sicher, dass der Markt euch nächstes Jahr noch braucht? Wie wollt ihr den großen Herausforderungen begegnen, die eure Märkte von Grund auf verändern werden? Angesichts derartiger Fragen ändert sich der Erklärungsbedarf gegenüber Analysten, Kapital- und Kreditgebern. Wer heute am Kapitalmarkt um Zutrauen wirbt, muss seine unternehmerische Story neu erzählen.
Drittens gilt es die Verbraucher zu befrieden. Sie verlangen nicht nur Qualität, guten Service und faire Preise. Sensibilisiert durch die Wirtschaftskrise, die vor allem auch eine Vertrauenskrise ist, werden sie von Unternehmen künftig ein besonders hohes Maß an Transparenz und Integrität einfordern. Das gilt zuallererst für Bankinstitute, die den Beweis antreten müssen, dass sie sich tatsächlich von Kundenbedürfnissen und nicht von Gier leiten lassen. Das gilt aber genauso für alle anderen Unternehmen, die im Verdacht stehen, den eigentlichen Sinn unternehmerischen Handelns – und damit die Kunden – aus den Augen verloren zu haben. Übertriebenes Gewinnstreben, Misstrauen gegenüber den eigenen Leuten, persönliche Vorteilnahme – welche Vorwürfe auch immer den Unternehmen entgegenschlagen, sie hinterlassen deutliche Spuren im Blick der Kunden auf das Unternehmen. Auch wenn das nicht gleich und unmittelbar spürbar wird.
Gerechtigkeitsdebatte reloaded
Diese Vorwurfslage entfacht wiederum Debatten, die viertens eine intensive Auseinandersetzung mit der Politik nach sich ziehen. Die hat in der Gunst der Stunde zum Beispiel die Diskussion um die Legitimität von Managergehältern, Bonuszahlungen und Abfindungen befeuert. Wobei die vehemente Einflussnahme der Politik auf Rahmen und Handlungsspielraum der Wirtschaft kein Phänomen der Krise bleiben wird. Aus der Debatte um die Frage "Wie viel staatliche Kontrolle braucht die Wirtschaft?" erwächst vielmehr ein Gefechtsfeld zwischen Wirtschaft und Politik, das seitens der Unternehmen auf lange Sicht zu bearbeiten ist.
Fünfte Anspruchsgruppe sind last not least die Mitarbeiter. Kurzarbeit, Restrukturierung, Insolvenz – nie gibt es mehr Fragen, mehr Unsicherheit und weniger Kommunikation als in der Ausnahmesituation. Doch gerade dann müssen sich Unternehmen erklären, die Notwendigkeit von schmerzhaften Veränderungen und radikalen Einschnitten deutlich machen oder doch zumindest Sorgen nehmen und Perspektiven geben.
Fazit: Der Erklärungsdruck, unter dem Unternehmen in Deutschland stehen, ist während der vergangenen 20 Jahre im Zuge immer dynamischerer Veränderungsprozesse ohnehin deutlich gewachsen. Mit der Krise wächst dieser Druck, und die Frage, ob sich ein Unternehmen noch allen Stakeholdern erklären kann oder nicht, wird zur Überlebensfrage.
Eine Gesellschaft, die sich in ihrem Misstrauen gegenüber den Führungsriegen bestätigt sieht. Politiker, die die Wirtschaft in einem bislang nicht gekannten Ausmaß reglementieren. Kritische Kunden. Verunsicherte Arbeitnehmer. Um ihre Handlungsspielräume zu verteidigen, müssen Unternehmen den Wahrnehmungen, Anspruchshaltungen und Diskursmustern all dieser Interessengruppen mit einer strukturierten Kommunikationspolitik gerecht werden. Darin liegt im Übrigen eine große Chance. Denn bislang haben sich die wenigsten als gute Erklärer der Krise und ihrer Folgen hervorgetan.
Unter verschärfter Beobachtung
Warum Unternehmen sich in der Krise mehr denn je erklären müssen
Unternehmen "gesellschaftsfähig" machen
Vom Kapitalmarkt gefeiert, von der Öffentlichkeit verpönt: Eine Erfahrung, die immer mehr Unternehmen buchstäblich sprachlos macht. Die Liste von unternehmerischen Vorhaben, die in Deutschland letztlich an der öffentlichen Meinung scheitern, wird länger und länger - ganz gleich, ob es sich um große Infrastrukturprojekte, wie den Bau von Kraftwerken und Flughäfen, oder die Einführung neuer Technologien, etwa im Gesundheitswesen, handelt. Häufig hängen an diesen Vorhaben gigantische Investitionssummen, unzählige Arbeitsplätze und nicht selten das Schicksal ganzer Unternehmen.
Diesen "Flops" liegt auf Seiten der Unternehmen ein doppeltes Missverständnis zugrunde: Zum einen die Erwartung, dass für die Erklärung von neuen Technologien und notwendigen Veränderungen ja eigentlich die Politik verantwortlich sei.
Auf Unterstützung aus der Politik können die Unternehmen indes bei der Realisierung großer Technologie- oder Infrastruktur-Projekte immer weniger zählen. Die Aufgabe, gesellschaftlich notwendige Veränderungen zu erklären oder für sie zu werben, sehen nur noch wenige Politiker. Im Gegenteil: Befangen in einer Logik des nicht enden wollenden Wahlkampfs versuchen sie nicht selten, Unternehmen für die Folgen von Veränderungen verantwortlich zu machen. Und auch die Medien geben dem Auflage bringenden Skandal immer häufiger Vorzug vor der fundierten Recherche.
Unternehmen müssen erkennen: Mehr und mehr wird es zu ihrer Aufgabe, gesellschaftliche Akzeptanz für ihre Ziele, Strategien und Vorhaben zu organisieren und einen Bewusstseinswandel der Bevölkerung zu bewirken.
Das zweite Missverständnis: Die Annahme, die Sprache des Kapitalmarkts werde auch von der Öffentlichkeit verstanden. Während vordergründig der Stakeholder-Dialog beschworen wird, zeigen sich viele Unternehmen de facto erstaunlich "einsprachig". Mit einseitig auf die Kapitalmärkte hin orientierten Rechtfertigungs- und Erklärungsmustern, die die Kommunikation von CEOs heute weitgehend prägen, können öffentliche Vorurteile und Vorbehalte jedoch nicht entkräftet werden. Im Gegenteil: Die öffentliche, vom Boulevard angeheizte "Abwehrreaktion" wird dadurch häufig nur verstärkt.
Gefragt ist daher ein neues kommunikatives Verständnis als "Corporate Citizen". Das heißt: Unternehmen müssen in ihrer Kommunikation zu einem Teil der Gesellschaft werden, deren Wahrnehmungen, Erwartungen und Argumente kennen und sich in einer "öffentlichen" Sprache damit auseinander setzen. Notwendig sind Botschaften und Argumente, die unternehmerische Projekte im gesellschaftspolitischen Kontext erklären, sie gleichsam "gesellschaftsfähig" machen. Notwendig sind aber auch Formen und Foren der Interessenbündelung und branchenübergreifenden Vernetzung, in denen die Inhalte nachhaltig und wirkungsvoll vermittelt werden.
Deekeling Arndt Advisors bietet mit dem Beratungsbereich Corporate & Public Affairs eine breite Expertise, um Unternehmen durch komplexe Planungs- und Realisierungsprozesse zu navigieren. Wir vertreten dabei einen stakeholderübergreifenden Ansatz: Die Wahrnehmungen, Erwartungen, Prozessmuster und Themenagenden von Öffentlichkeit, Politik, Business und Financial Community müssen analysiert und in ihren Wechselwirkungen zueinander in den Blick genommen werden. Auf Basis dieser "Gefechtslage" können Inhalte in Form von Argumentationslinien, Botschaftensets und Programmatiken entwickelt werden. Zur Vermittlung dieser Inhalte erarbeiten wir "Gefechtspläne", Umsetzungsstrategien, Themensetting-Programme und Kampagnen. Darüber hinaus bauen wir für unsere Klienten Netzwerke in die relevanten Communities auf und bieten ihnen Zugang zu Meinungsbildnern und Vertretern aus Politik und Wissenschaft.
