Veränderung ja, aber keiner traut sich – und keiner traut´s dem anderen zu

Die DAA-Entscheider-Studie

Davos schien der Aufgalopp zu einer breiteren Debatte über das künftige Wirtschaften: Flankiert durch Aktivisten der Occupy-Bewegung diskutierte die globale Führungs- und Meinungselite aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum über die Zukunft des Kapitalismus. Eine „neue Nachdenklichkeit“ hielt Einzug, notierten Beobachter in den Debatten über Vor- und Nachteile der westlichen Wirtschaftsordnung, die Folgen der Globalisierung, mögliche Grenzen der freien Marktentwicklung und auch die wachsende gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und Unternehmensführern. Klaus Schwab, Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, erklärte gar das westliche Wirtschaftsmodell in seiner jetzigen Ausprägung für nicht zukunftsfähig.

Doch wie steht es mit Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit der Entscheider und Meinungsführer in Deutschland? Wer übernimmt gesellschaftliche Verantwortung, wer führt die Debatten und bei wem stößt dies auf Resonanz – auch jenseits zwangloser Gesprächskreise mit offenem Hemdkragen? Deekeling Arndt Advisors beauftragte hierzu das renommierte Meinungsforschungsinstitut forsa mit einer Entscheider-Untersuchung – während der harten wirtschaftlichen Realität der „Berichtssaison“ aus Bilanzpressekonferenzen und Hauptversammlungen sowie im politischen Umfeld wichtiger Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Befragt wurden 250 Entscheidungsträger und Meinungsführer aus Politik, Wirtschaft und Medien. Darunter waren 85 Mandatsträger aus dem Deutschen Bundestag und mehreren Landtagen, 71 Vertreter aus verschiedenen Wirtschaftsverbänden und den größten 500 Unternehmen sowie 94 Medienvertreter, die für die Ressorts Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft verantwortlich sind.

Die Schlüsselerkenntnisse: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der anerkannten Notwendigkeit zu Reformen im bestehenden System und der wahrgenommenen Reformfähigkeit der Entscheidungsträger – wobei dies nicht mit dem Wunsch nach einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einhergeht. Die Notwendigkeit wird abstrakt beschrieben, die Stellschrauben werden auf Nachfrage konkret benannt, aber drei Viertel aller Befragten glauben nicht daran, dass es zu grundsätzlichen Veränderungen im Wirtschaftssystem kommen wird. Und: Es gibt unter den Meinungsführern offenkundig eine Sehnsucht nach Diskurs und Persönlichkeiten, die Debatten zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen anführen oder sich entsprechend einbringen. Die ernüchternde Erkenntnis hier: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft ebenfalls eine große Lücke.

Wesentliche Ergebnisse im Überblick:

  • Mehr als jeder zweite Befragte hält grundsätzliche Kritik an der Wirtschaftsordnung in Deutschland für berechtigt. Unter den Journalisten sind es gar 64 Prozent, unter den Wirtschaftsvertretern immerhin 39 Prozent.
  • Die am häufigsten genannte Veränderung betrifft die Finanzmärkte: 53 Prozent wünschen sich, dass Börsen und Banken stärker reguliert werden. Von den Wirtschaftsvertretern, die Veränderungen für notwendig halten, nennen fast zwei Drittel die Finanzmarktregulierung als wichtigste Stellschraube.
  • Immerhin zehn Prozent der Interviewpartner fordern, dass Politik und Wirtschaft mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollen. Je neun Prozent möchten den Kapitalismus stärker regulieren und mehr sozialen Ausgleich schaffen.
  • Pessimismus bestimmt das Bild: 75 Prozent aller Befragten glauben eher nicht, dass es zu grundsätzlichen Veränderungen des Wirtschaftssystems kommen wird. Besonders kritisch ausgeprägt ist die Haltung der Journalisten: Nur 13 Prozent glauben an Veränderungen, hingegen ist hier ein Drittel der befragten Politiker optimistisch.
  • Vier von fünf Befragten sehen die Politik in der Verantwortung, Veränderungen anzustoßen, 60 Prozent sehen die Unternehmen in der Pflicht und fast jeder zweite Wirtschaftsvertreter sieht hier auch eine Aufgabe für „andere gesellschaftliche Akteure“, wie zum Beispiel die Verbände oder Gewerkschaften.

  • Die große Wahrnehmungsdiskrepanz: Während sich Politik und Wirtschaft selber jeweils in der Verantwortung sehen, attestieren ihnen jedoch deutlich weniger Befragte auch die Fähigkeit zur Umsetzung von Reformen: Die wahrgenommene Verantwortung der Politik liegt bei 81 Prozent, die durch alle Befragten attestierte Fähigkeit allerdings nur bei 46 Prozent. 60 Prozent der Wirtschaftsvertreter sehen die Unternehmen in der Verantwortung, nur 34 Prozent trauen es ihnen zu.
  • Besonders krass ist die offensichtlich durch Misstrauen gekennzeichnete gegenseitige Wahrnehmung von Wirtschaft und Politik: Nur 38 Prozent der Wirtschaft sehen die Politik in der Lage, Veränderungen anzustoßen, während dies fast zwei von drei befragten Politikern über sich selber sagen. Nur jeder fünfte befragte Politiker sieht Veränderungsfähigkeit bei der Wirtschaft, während die Wirtschaftsvertreter besonders überzeugt sind, dass ihre eigene Berufsgruppe gesellschaftliche Veränderungen einleiten kann (59 Prozent).
  • Manager besonders in der Pflicht: 69 Prozent messen Unternehmen eine größere gesellschaftliche Verantwortung bei als anderen Gruppen.
  • 79 Prozent aller Befragten sind der Meinung, dass Manager von Großkonzernen den Vertrauensverlust selbst zu verantworten haben – mit einem hohen Maß an Selbstkritik der Wirtschaftsvertreter: Fast zwei Drittel pflichten dem bei.
  • Eine mögliche Ursache des Vertrauensverlustes: Manager erklären ihr Handeln zu wenig im gesellschaftlichen Kontext. Zwei Drittel aller befragten Meinungsbildner meinen, dass es nicht genügend Unternehmensführer gibt, die sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen. Diese Einschätzung wird in ähnlicher Größenordnung von den Wirtschaftsvertretern geteilt.
  • Exponierte Wortführer Mangelware: Fast einem Drittel aller Befragten fällt spontan kein Unternehmensführer ein, der sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligt.
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