Der Einwurf von Olaf Arndt

Erklärt Euch!

Es war einmal heile Welt: Da gab es ein überschaubares politisches System und klare Erwartungen von der Wirtschaft an die Politik und umgekehrt: Die Wirtschaft investiert und die Politik sorgt für verlässliche Rahmenbedingungen. Davon haben alle etwas. Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es auch den Menschen gut.

Das war einmal. Das politische System ist längst komplexer und für die Wirtschaft unberechenbarer geworden. In einem Fünf-, Sechs- oder Sieben-Parteien-System sind schneller wechselnde Machtkonstellationen und zuvor nur schwer vorstellbare Koalitions-Zusammensetzungen an der Tagesordnung. Im Aufbau neuer Machtoptionen haben sich die Konturen der Parteien abgeschliffen. Gerade in wirtschafts- und umweltpolitischen Fragen ist die über viele Jahre gelernte Farbenlehre passé. Das hat weitreichende Konsequenzen für das ohnehin schon belastete Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik. In der unübersichtlichen Gemengelage drohen die Beziehungen sich weiter zu verschlechtern, als sie jetzt schon sind – wie die Ergebnisse der Studie zeigen.

Der Befund ist alarmierend: Die Entscheider-Studie von Deekeling Arndt Advisors offenbart ein tiefes gegenseitiges Misstrauen von Wirtschaft und Politik. Keiner traut dem anderen den Mut und die Fähigkeit zu Veränderungen zu. Die Studie offenbart ein Diskursvakuum zu großen gesellschaftlichen Fragen und lässt den Schluss zu, dass die Kommunikationspraxis der deutschen Wirtschaftslenker hinter den Erwartungen aus den eigenen Reihen zurückfällt. Darin spiegelt sich nicht zuletzt ein Paradigmenwechsel, dem die Unternehmen und Teile der Wirtschaft insgesamt in den letzten Jahren nicht hinreichend standgehalten haben.

Zäsurpunkt Finanzkrise

Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 war eine Zäsur. Spätestens seitdem ist unternehmerisches Handeln immer stärker politisiert worden. Und während die Politik in der Krise das Primat des Handelns zurückgewinnen konnte, sind Manager immer stärker in die Kritik geraten. Verloren gegangenes Vertrauen kann die Wirtschaft nur zurückgewinnen, wenn sie unternehmerisches Handeln in einen gesellschaftlichen Kontext stellt und Lösungskompetenz für die aktuellen Herausforderungen beweist.

Politik und Öffentlichkeit interessieren sich nicht oder nur bedingt für unternehmerische Ziele. Sie fragen nach gesellschaftlichem und volkswirtschaftlichem Nutzen. Topmanager müssen sich hierzu positionieren und schlicht und einfach erklären. Es geht nicht um Eigenprofilierung um jeden Preis, bloße Bekanntheit oder Publizität. Es geht vielmehr um ureigene Interessen ihres Unternehmens und des „Systems Wirtschaft“. Sich dafür zu engagieren, ist Kernaufgabe jedes Topmanagers.

Das erfordert vielfach ein grundsätzliches Umdenken. Eine neue Haltung ist gefragt. Die Wirtschaft kann sich nicht auf Forderungen an die Politik beschränken. Sie muss die Politik auch zu Entscheidungsfindungen befähigen. Deswegen ist ein offener und kontinuierlicher Dialog mit der Politik und den gesellschaftlichen Gruppen zwingend. Der muss genauso planvoll gestaltet werden wie die geübte Kommunikationspraxis mit dem Kapitalmarkt. Abtauchen oder die überkommenen Rituale des Hinterzimmer-Lobbyismus sind keine Alternative.

Der Erfolg der Piratenpartei manifestiert, was die Gesellschaft offensichtlich schon länger wünscht: Mehr Transparenz über Entscheidungsprozesse, mehr Partizipation, mehr Dialog. Er ist ein Weckruf der besonderen Art. Die Wirtschaft kann diese Entwicklung nicht ignorieren, auch wenn sie die politischen Ziele der Piraten vielfach nicht teilt. Wie soll die Bevölkerung  insgesamt wieder mehr Vertrauen in die Wirtschaft bekommen, wenn sich schon die Entscheider in Politik und Wirtschaft gegenseitig nicht viel zutrauen? Die Devise muss daher lauten: Runter mit den Scheuklappen, raus aus den Schützengräben, rein in einen offenen und kontinuierlichen Dialog.

Shared Values statt Shareholder Value

Umdenken heißt auch, mit einem immer noch verbreiteten Irrglauben aufzuräumen. Corporate Responsibility ist heute kein Additiv mehr, das der Imagepolitur dient. Sie darf auch kein Ablasshandel für eine einseitige Kapitalmarktorientierung sein. Selbst Michael Porter, der geistige Vater des Shareholder-Value-Konzepts und unverdächtig für jede Kapitalismuskritik, hat konstatiert, dass viele Unternehmen in eine selbst gestellte Falle getappt sind. Eine stringente Unternehmenspolitik, die sich gleichermaßen an den Erwartungen und Bedürfnissen von Kapitalmarkt, Politik, Gesellschaft, Kunden und Beschäftigten orientiert, ist zwingender denn je – auch unter Risikogesichtspunkten. Wer die Spielregeln des Gesamtsystems verletzt, provoziert politische Reflexe und bekommt die Regulierungskeule zu spüren.

Dazu gehört auch, strategisch nicht nur auf Sicht zu fahren. Die Welt ist voller Strukturbrüche, die antizipiert werden müssen. Es geht um Zukunftsgestaltung und Zukunftsinterpretation. Nicht zuletzt um die Frage, wohin unsere Gesellschaft und unsere Volkswirtschaft hinsteuert und welche Bedingungen, ja auch welche Veränderungen notwendig sind. Hier geht es um Lösungen für die Probleme von morgen und um notwendige Erklärungen für künftige Herausforderungen. Nur wer spricht, der hilft. Und nur wer spricht, dem kann geholfen werden.

Olaf Arndt ist Senior Partner bei Deekeling Arndt Advisors und verantwortlich für den Beratungsbereich Corporate & Public Affairs.