"Die Kluft zwischen Politik und Wirtschaft ist viel zu groß!"

Interview mit forsa-Geschäftsführer Joachim Koschnicke

"Die Eindeutigkeit der Aussagen ist bestechend", sagt Meinungsforscher und forsa-Geschäftsführer Joachim Koschnicke im Gespräch mit Deekeling Arndt Advisors. Er sieht sich in der Frage bestätigt, dass die Kluft zwischen Wirtschaft und Politik viel zu groß ist und CEOs sich in gesellschaftliche Debatten einmischen müssen.

1. Was war für Sie das Überraschendste an den Ergebnissen?

Die Eindeutigkeit der Aussagen ist bestechend: Die Multiplikatoren aus Wirtschaft, Politik und Medien sehen zwar eine große Reformnotwendigkeit, glauben aber mehrheitlich nicht an die notwendige Reformfähigkeit der politischen Elite. Und: Von Unternehmenslenkern wird schlicht erwartet, dass sie über den eigenen Firmenzaun hinaus Verantwortung übernehmen und sich an dem gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Jedoch wird diese Erwartung nach Meinung der Befragten nicht erfüllt.

2. Bestätigen die Ergebnisse einen Trend der Vergangenheit?

Mehr die eigene Einschätzung. Zu viele Politiker haben Angst vor Wählern und zu viele Topmanager Angst vor der kritischen Öffentlichkeit.

3. Trauen sich Politik und Wirtschaft heute gegenseitig mehr zu als früher?

Mehr als früher kann ich nicht sagen. Jedenfalls stellt die DAA-Studie ein klares Testat aus: Die Kluft zwischen Politik und Wirtschaft ist viel zu groß. Das hören wir seit vielen Jahren abstrakt. Jetzt haben wir es leider schwarz auf weiß.

4. In jeder Jobbeschreibung für CEOs wird erwartet, dass sie sich auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegen können. Warum scheuen es dennoch viele?

Naja, da müsste man sie schon selber fragen. Sicherlich haben sie allemal gut zu tun. Und die Tatsache, dass sie sich frei auf dem Wochenmarkt oder in der Kneipe bewegen können, ohne von irgendjemandem erkannt zu werden, bringt auch Annehmlichkeiten mit sich. Vielleicht wird schlicht von zu wenigen verstanden, dass es nicht mehr eine Frage des Wollens ist. Es ist zu einer Frage des Müssens und Könnens geworden. Wenn die Wirtschaft nicht eine Ghettoisierung betreiben will, muss sie ihre Topmanager in den gesellschaftspolitischen Diskurs schicken.