Hochautomatisiertes Fahren – Zwischen Euphorie und Skepsis

Die digitale Transformation ist ein Katalysator für Veränderung. Die fortschreitende Digitalisierung und das Internet der Dinge brechen alte Strukturen auf und schaffen Platz für Erneuerung. Traditionelle Wertschöpfungsketten und Branchengrenzen verschwimmen, der politische Ordnungsrahmen steht in Frage. Ein Beispiel dafür ist die Automobilbranche, wie die Causa Automatisiertes Fahren zeigt.

Noch im April 2016 der große Boom: 325.000 Vorbestellungen für den Tesla 3, eines der wenigen Automodelle mit einem Autopiloten. Seither kommen immer mehr Unfälle ans Licht, die mit hochautomatisiertem Fahren in Verbindung gebracht werden.

Die Unfälle haben in der Öffentlichkeit Fragen aufgeworfen: Ist das Konzept "Hochautomatisiertes Fahren" überhaupt ausgereift? Kann man selbstfahrenden Autos "trauen"? Stimmt der rechtliche Rahmen?

Die Debatte vermittelt den Eindruck, als gäbe es lediglich Risiken. Gerade jetzt bietet sich die Chance, einen konstruktiven Dialog zwischen Gesellschaft, Politik und Industrie in Gang zu bringen. Wenn sich die neue Technologie durchsetzen soll, braucht es dringend eine transparente, öffentliche Debatte über Chancen und Risiken. Denn: Die Auswirkungen der neuen Technologie sind vielfältig und gravierend – beispielhaft genannt seien drei Branchen:

Automobilindustrie – Tradierte Geschäftsmodelle vor dem Aus?

Ob untereinander, mit dem Internet oder mit der Infrastruktur: Autonom fahrende Fahrzeuge sind ständig vernetzt – und werden zu wahren Datenminen. Die gespeicherten Informationen werden aufgrund ihrer Fülle nicht nur für die Automobilkonzerne von großer Bedeutung sein, sondern auch beispielsweise für Logistikunternehmen und für die Stadtplanung (u. a. Smart Cities).

Kfz-Versicherung – Weniger Unfälle, geringere Beiträge?

Auch die Versicherungsbranche muss sich auf Veränderungen einstellen. Denn hier sind sich Experten einig: Die Anzahl der Unfälle wird durch hochautomatisiertes Fahren drastisch reduziert, wodurch die Beiträge für die Kfz-Versicherung spürbar sinken sollten.

Logistikunternehmen – Mehr Effizienz durch autonome LKW?

Die Vollautomatisierung von Fahrzeugen wird sich auch auf Logistikunternehmen und Speditionen auswirken. Systeme wie das sogenannte "Platooning", bei dem mehrere LKW einem LKW automatisch folgen, sind längst getestet.

Öffentliche Debatte essenziell für Akzeptanz

Es ist regelmäßig der Dialog mit der Bevölkerung, der vernachlässigt wird. Das Resultat sind dann oftmals mangelnde Akzeptanz in der Gesellschaft sowie schlechte und schleppende Verbreitung der Technologie. Möchten Politik und Wirtschaft in Deutschland gemeinsam hochautomatisiertes Fahren einführen und global weiterhin den Spitzenplatz in Sachen Innovation und Pioniergeist belegen, muss der Austausch mit allen Stakeholdern, insbesondere mit der breiten Öffentlichkeit, gesucht werden. Gerade in Deutschland, dem Automobilland, wird der öffentliche Diskurs rund um das hochautomatisierte Fahren eine große Rolle spielen.

Wenn potenzielle Konflikte und offene Fragestellungen, beispielsweise bezüglich Datenschutz, Haftung oder Infrastruktur, nicht aktiv und unter Einbezug der Öffentlichkeit diskutiert werden, wird die Skepsis gegenüber der Technologie weiter steigen. Denn: Laut einer Bitkom-Studie wären derzeit lediglich 15 Prozent der Befragten bereit, im fließenden Verkehr auf der Autobahn die Hände vom Lenkrad zu nehmen – und nur neun Prozent im Stadtverkehr.

Der öffentliche Raum steht vor Veränderungen

Demgegenüber stehen die hohen Potenziale der Technologie. Durch die Verbreitung von hochautomatisierten Fahrzeugen ist beispielsweise eine drastische Reduktion des CO2-Ausstoßes in Innenstädten zu erwarten. Nicht nur, weil der Verkehr flüssiger verlaufen wird, sondern auch, weil hochautomatisiert bzw. autonom fahrende öffentliche Verkehrsmittel zu weniger Fahrzeugen und weniger Staus führen werden. Zudem ist zu erwarten, dass die Technologie das Car-Sharing vorantreiben wird. Der geringere Verkehr eröffnet neue Räume, die beispielsweise von Fußgängern und Fahrradfahrern genutzt werden können. Bereits jetzt existieren verschiedene Initiativen auf EU-Ebene zum Thema Smart Cities (u. a. im Rahmen des EU-Förderungsprogramms Horizon 2020, European Innovation Partnership (EIP) on Smart Cities and Communities), in denen hochautomatisierte bis autonom fahrende Fahrzeuge eine große Rolle spielen können.

Doch auch ausgeklügelte Technologien mit den größten Vorteilen für die breite Gesellschaft können ihr Potenzial nur dann entfalten, wenn sie vom Bürger mitgetragen werden. Deshalb müssen disruptive Technologien frühzeitig an die Bürger herangetragen und erklärt werden – nur so wird aus einer Innovation eine gesellschaftlich anerkannte Errungenschaft.

Rahmenbedingungen für Sicherheit und Innovation

Allerdings besteht nach wie vor Handlungsbedarf in der Anpassung der Gesetzgebung. Jetzt ist es an der Zeit, durch regulatorische Maßnahmen den Weg für die Automatisierung in Richtung Zukunft zu ebnen. Initiativen seitens der deutschen Politik – wie der Roundtable "Automatisiertes Fahren" oder die "Strategie automatisiertes und vernetztes Fahren" – beschäftigen sich bereits mit manchen Teilaspekten der Technologie, genauso wie die EU mit der C-IST Platform (Plattform für intelligente Transportsysteme). Hier kann und sollte die Industrie helfen, indem sie durch ihre Expertise Politiker und Gesetzgeber unterstützt und dazu befähigt, ausgewogene und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Wichtig ist vor allem, dass Normen und Regularien auf den Weg gebracht werden, bevor unterschiedliche Rahmenbedingungen die Innovation einschränken. Deutschland als Autoland hat auch hier eine wichtige Rolle innerhalb der EU und kann mit nationalen Vorschlägen den Weg für eine europaweite Einigung in Sachen Rahmenbedingungen bereiten.

Ein intensiver Dialog zwischen allen Stakeholdern bietet die Möglichkeit, gemeinsam Lösungen zu finden, die die Richtung weisen, ohne aber Innovation zu gefährden. Dieser Dialog sollte branchenübergreifend stattfinden – beispielsweise durch die Gründung von Plattformen, die als Diskussionsforen für Industrie, Politik und Öffentlichkeit dienen können. So fördert man die notwendige glaubwürdige Kommunikation zu den diversen Themen, die aus dem Fortschritt des automatisierten Fahrens erwachsen. Diese Veränderungen werden auch unternehmensintern Einzug halten. Potenzielle Änderungen traditioneller Geschäftsmodelle erfordern oftmals auch ein Umdenken in der Unternehmenskultur und der Führung.

Suche Sitemap Kontakt