"Nachgehakt"

Interview mit Christoph Hardt, Geschäftsführer Kommunikation beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), ein Jahr nach Umstellung seiner Kommunikationsabteilung auf eine Newsroom-Struktur

 

1. Sie haben vor etwas mehr als einem Jahr die Kommunikation im Verband entlang einer Newsroom-Struktur neu aufgestellt. Warum sind Sie diesen Schritt gegangen?

Die Versicherungsbranche steht ja schon seit längerer Zeit in der Kritik. Und wir alle wissen, wie schnell sich die Medienwelt bewegt und wandelt. Mit einer klassischen Pressearbeit, die vor allem auf Finanzjournalisten ausgerichtet ist, ändert man nichts an der kritischen Haltung gegenüber unserer Branche. Es gab ganz konkrete politische Inhalte, bei denen wir feststellen mussten, dass das Image der Branche die Lobbyarbeit des Verbands erschwert hat. Das nahmen wir zum Anlass, grundsätzlich über eine Neuaufstellung nachzudenken. Wir wollten hier in Berlin eine schlagkräftige themenorientierte Kommunikation aufbauen. Eine Kommunikation, die die klassischen Felder der PR weiter betreut, aber daneben neue Impulse für eine langfristige Stabilisierung des Ansehens unserer Branche setzt.

 

2. Die organisatorische Neuaufstellung ist ja das eine. Aber was musste sich in der Art der Zusammenarbeit und der Denkweise ändern?

Sehr vieles musste sich ändern. Wir bekommen ja immer wieder Besuch von interessierten Kommunikationsfachleuten oder auch Journalisten, die sich unseren Newsroom anschauen. Fast alle Interessenten erzählen von denselben Problemen: Da gibt es das Thema "nicht miteinander reden" oder die Abkoppelung interner und externer Kommunikation. Fast immer geht es um ein Kulturthema des nicht offenen Austauschs. Hier setzt das Newsroom-Prinzip an. Es geht um die Verinnerlichung und Integration journalistischer Arbeitsprozesse, Denkweisen und Haltungen. Ein Newsroom ist damit weitaus mehr als ein Großraumbüro. Es geht darum, Möglichkeiten für einen gemeinsamen Austausch, gemeinsame Teamdebatten zu schaffen, der Kommunikation einen neuen, kreativen Schub zu geben. Neben den Prozessen und der stärkeren journalistischen Ausrichtung ist das auch eine rein physische Baumaßnahme: Sie reißen Mauern weg, das ist buchstäblich für jedermann sichtbar. Damit haben Sie eine plausible Story zu erzählen, dass hier grundlegende Veränderungen in Ihrer Kommunikation stattfinden. Der nächste Schritt ist faszinierend zu beobachten. Dieser Newsroom wirkt nämlich mit seiner starken Veränderungskomponente in die Gesamtorganisation hinein.

 

3. Nach über einem Jahr im Newsroom: Was ist Ihr persönliches Resümee? Welche drei Punkte würden Sie Kollegen mitgeben, die über einen ähnlichen Schritt nachdenken?

Extrem wichtig ist, den physischen Umbau ordentlich anzugehen. Man sollte nicht am falschen Ende sparen. Also keine Billigvarianten zimmern, bei denen die Leute von Einzelbüros in eine Großraumbürolösung kommen, die ihnen die Arbeit erschwert, ihnen den Spaß an der Arbeit raubt. Nein, ein Newsroom muss Spaß machen! Das kostet am Anfang Geld. Am Ende zahlt es sich aber aus. Auch was Betriebskosten angeht. Letzten Endes ist ein Großraumbüro fast immer günstiger als Einzelbürolösungen.

Das Zweite ist, dass Sie eine Struktur wählen, die punktgenau auf Ihre Organisation zugeschneidert ist. Das hat viel mit Unternehmenskultur zu tun. Achten Sie bei der Einführung eines Newsrooms auf die Qualität der Zusammenarbeit der Teams. Es muss abgesichert sein, dass der "Spirit" Newsroom auch gelebt wird, nur dann wird das Konzept funktionieren. Der Newsroom, das kann man gar nicht oft genug betonen, beginnt zuerst im Kopf.

Der dritte Punkt: Das Commitment von ganz oben muss immer gegeben sein. Es muss für alle Mitarbeiter klar sein: Hier findet ein Kulturwandel statt, der von ganz oben im Unternehmen gewollt ist. Ohne geht überhaupt nichts.

Suche Sitemap Kontakt