Im Dialog mit Ulrich Grillo:

"Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um Deutschlands industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu sichern?"

Im Rahmen des Berliner Dialogs am 20. September 2016 diskutierten Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V., und Bernd Tönjes, Vorsitzender des Vorstands der RAG Aktiengesellschaft und Moderator des Initiativkreises Ruhr. Moderiert wurde die Veranstaltung von Anna von Bayern, Journalistin und Buchautorin.

Strukturwandel ist und bleibt Daueraufgabe für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Ob Strukturwandel, Digitalisierung oder Energiewende, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, darin sind sich Ulrich Grillo und Bernd Tönjes einig, hängt maßgeblich davon ab, dass Transformationsprozesse erfolgreich bewältigt werden können.

Zu Beginn der Diskussion hob Ulrich Grillo hervor, dass struktureller Wandel für ihn kein Phänomen der Neuzeit ist, sondern schon immer Herausforderung und Chance für die deutsche Industrie gewesen sei. In besonderem Maße gelte dies für das Ruhrgebiet, das sowohl für Ulrich Grillo als auch Bernd Tönjes mehr als nur ihre unternehmerische Heimat ist. Die Menschen in dieser Region hätten bereits zahlreiche strukturelle Veränderungen bewältigt und gezeigt: "Wir können Strukturwandel." Ein optimistisches Bild zeichnete auch Bernd Tönjes, der das Ruhrgebiet mit seinem industriellen Kern sowie zahlreichen urbanen Zentren für die Zukunft gut aufgestellt sieht. Zwar vollziehe sich mit dem bevorstehenden Ende des Steinkohlenbergbaus im Jahr 2018 die wohl tiefgreifendste Veränderung in der Region. Doch damit gingen auch neue Chancen einher, dafür sorge nicht zuletzt die RAG, die sich sowohl in der Vergangenheit als auch über 2018 hinaus in voller Verantwortung für den Strukturwandel in der Region begreife. Einigkeit herrschte zwischen beiden Gästen bei der Frage nach der Verantwortung für einen nachhaltigen Strukturwandel: Diese dürfe nicht nur auf Seiten der Industrie liegen, sondern müsse auch von Politik und Gesellschaft geschultert werden.

Digitalisierung ist Strukturwandel in seiner reinsten Form

Deutschlands Rolle innerhalb der digitalen Transformation werde deutlich zu kritisch beäugt, so Ulrich Grillo. Mitnichten sei die digitale Transformation hierzulande – wie vielfach behauptet – verschlafen worden. Vielmehr sei die Wahrnehmung deutscher Unternehmen eine ganz andere. Denn diese seien weniger auf den stark beachteten Endkundenbereich fixiert, sondern entwickelten vor allem Produkte im Bereich der Fertigungs- und Prozesstechnologie. Beste Voraussetzungen also, um im Bereich Industrie 4.0 eine Vorreiterrolle einzunehmen. Um in einer digitalisierten Welt aber auch zukünftig Schritt halten zu können, gebe es zahlreiche Stellschrauben, an denen von öffentlicher und privater Seite gedreht werden sollte. Oberstes Ziel müsse es sein, einen kulturellen Wandel herbeizuführen. Weg von gründerfeindlichen Regulierungen und steuerlichen Hürden, hin zu einem risikobereiteren Umfeld. Dies dürfe allerdings nicht nur für einzelne europäische Staaten gelten, sondern müsse zwingend im gesamteuropäischen Kontext gedacht werden. Um in Konkurrenz zum geeinten US-Markt zu treten, sei es längst überfällig, einen EU-weiten digitalen Binnenmarkt zu etablieren. Allein so könne Europa in den nächsten zehn Jahren eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von 1,25 Billionen Euro erzielen. Erheblichen Nachholbedarf bescheinigt Bernd Tönjes der digitalen Infrastruktur. Gerade auch in Deutschland bestehe noch ein gewaltiger Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur für zukunftsfähige Bandbreiten.

Deutschland muss wettbewerbsfähig bleiben, die Energiewende dem Rechnung tragen

Angesprochen auf ihre Haltung zur Energiewende waren sich beide Gäste einig: Die Energiewende ist politische Realität. Es gehe aus Industriesicht um die Frage der richtigen Ausgestaltung. Um Versorgungssicherheit zu garantieren, benötige es noch lange Jahre einen Mix aus erneuerbaren und fossilen Energieträgern. Außerdem müssten die entsprechende Infrastruktur erweitert und Speicherkapazitäten ausgebaut werden. Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gab Ulrich Grillo zu bedenken, dass die Energiewende für viele Unternehmen den Blick auf langfristige Perspektiven verstelle. Unsicherheit und mangelndes Vertrauen stellten insbesondere für energieintensive Branchen große Probleme dar. Hier sei die Politik gefordert, weiter nachzujustieren. Es gelte, sichere rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen und diese in Form einer europäischen Energieunion EU-weit zu vereinheitlichen. Wie eine ehemalige Bergbauinfrastruktur auch für erneuerbare Energien verwendet werden könne, zeige das Beispiel der RAG, so Bernd Tönjes. Die ehemaligen Abbauflächen würden bereits heute für den Bau von Windkraft- und Solaranlagen genutzt.

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