Im Dialog mit Garrelt Duin:

"Wie gestaltet sich die Erneuerung der industriellen Basis als Daueraufgabe von Politik und Wirtschaft?"

Im Rahmen des Berliner Dialogs am 22. August 2013 diskutierten Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen, und Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Vorsitzender der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien GmbH. Moderiert wurde die Veranstaltung von Martin Schmuck, Publizist.

Den Wandel als Chance begreifen

Bevor die Referenten auf aktuelle Herausforderungen des industriellen Wandels zu sprechen kamen, resümierten beide zunächst einige Erfolge im Wandlungsprozess der letzten Jahrzehnte. Prof. Dr. Noll, der mit seinem Team vom Gelände des Welterbes Zollverein in Essen aus ehemalige Industriebrachen in attraktive Standorte verwandelt, schlug in seinen Beiträgen selbst eine Brücke nach China. Es gebe fast keinen anderen Ort auf der Welt wie das Ruhrgebiet, an dem ein so umfassender Strukturwandel in so kurzer Zeit stattgefunden habe. Besucher aus China − wie z. B. der frühere Staatspräsident Hu Jintao − seien in besonderer Weise beeindruckt davon, dass ein so umfassender Wandel friedlich bewältigt worden sei. Garrelt Duin wies darauf hin, dass die Politik in Nordrhein-Westfalen schon früh auf die Modernisierung der industriellen Produktion durch Innovationen gesetzt habe und sich im Ruhrgebiet daher heute eine der dichtesten Universitäts- und Forschungslandschaften Europas befinde.

Bei allen erzielten Erfolgen sahen beide Referenten aber auch noch zahlreiche zu bewältigende Aufgaben. Prof. Dr. Hans-Peter Noll bezeichnete es als eine der größten Herausforderungen, das Ruhrgebiet zu einer lebenswerten Region zu machen, die im Wettbewerb mit anderen Regionen in der Lage sei, junge, gut ausgebildete Köpfe für sich zu gewinnen bzw. sie vor Ort zu halten. Garrelt Duin sieht insbesondere im nördlichen Ruhrgebiet für die Politik noch viel zu tun. Die von ihm vertretene Wirtschaftspolitik versuche nicht, Wandlungsprozesse aufzuhalten oder bestehende Strukturen zu bewahren. Vielmehr gehe es ihm darum, den Wandel anzunehmen und als Chance zu verstehen. Ziel der Arbeit des von ihm geführten Ministeriums sei es, Leitmärkte, die sich im Wirtschaftsprozess herausbildeten, gezielt zu unterstützen und zu fördern.

Innovationen und Interdisziplinarität als Kern moderner Industriepolitik

Das veränderte Denken in der Industriepolitik verlange neue Formen der Zusammenarbeit, so Garrelt Duin. Forschung und Entwicklung hielten die Schlüssel zur Entwicklung neuer Cluster und zur Erschließung neuer Märkte in der Hand. Er stimme daher seine Politik, enger als dies je zuvor geschehen sei, mit der Forschungs- und − wie es in NRW heiße − Innovationsministerin ab. Gleichwohl könne die Politik nur unterstützen, die Bearbeitung von Märkten und die Schaffung unternehmerischer Innovationen könnten der Wirtschaft nicht abgenommen werden. In diesem Zusammenhang ergänzte Prof. Dr. Hans-Peter Noll, dass der Wandel nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance für die Wirtschaft sei. Unternehmen wie das von ihm geführte haben sich auf problemlösendes Wachstum konzentriert. Vorteile in jeder Hinsicht verschaffe dabei eine Orientierung an den Prinzipien der Nachhaltigkeit. Für diese Kompetenzen werde Deutschland in der Welt bewundert.

Akzeptanz als Grundvoraussetzung für Wandlungsprozesse

Spätestens seit Stuttgart 21 ist die Frage der Akzeptanz von Veränderungsprojekten in der öffentlichen Diskussion angekommen. In den Augen des NRW-Wirtschaftsministers ist die Herstellung von Akzeptanz für Erneuerungsprozesse jeder Art eine der zentralen Herausforderungen für Politik, aber auch Verwaltung und Wirtschaft insgesamt. Den sogenannten "Wutbürger" gebe es seiner Ansicht nach nicht. Er habe dagegen vielfach festgestellt, dass es häufig fundierte und berechtigte Fragen gebe, die von den Verantwortlichen einfach nicht ausreichend beantwortet würden. Die Menschen seien nicht "gegen alles", sie machten sich Sorgen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass diese Sorgen oftmals in einem vernünftigen Gespräch in kleinerem Rahmen ausgeräumt werden könnten. Dabei müsse man den besonderen Kompetenzen und dem oftmals in der Bevölkerung vorhandenen Fachwissen über Zusammenhänge adäquat Rechnung tragen. Dem stimmte Prof. Dr. Hans-Peter Noll voll und ganz zu. Der enge Dialog mit allen von einer Entscheidung Betroffenen sei "anstrengend, aber alternativlos". Die RAG Montan Immobilien habe diese Erfahrung immer wieder gemacht, vor allem auch bei schwierigen Themen wie dem Umgang mit Folgelasten aus dem Altbergbau. Ohne einen tragfähigen Dialog seien Wandlungsprozesse nicht umsetzbar.