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Made in Germany

Interview Wolf 2 Interview mit Margareta Wolf über den fehlgeleiteten Diskurs zwischen Wirtschaft und Politik


VW-Gesetz, Bahn-Börsengang, Wettbewerb in der Stromwirtschaft, Rahmenbedingungen Bankenmarkt - wo immer es um Spielraum für deutsche Unternehmen in der globalen Wirtschaft geht, ist eine langwierige, oft lähmende politische Auseinandersetzung nicht weit. Warum laufen gerade so entscheidende Diskurse für den Standort Deutschland oft so schrecklich destruktiv?


Margareta Wolf: Diese Themenkomplexe haben entscheidende strukturelle Gemeinsamkeiten. All diese Unternehmen stehen emotional für einen Rest von "Volkseigentum", einen Rest an Schutz vor dem "kalten Wettbewerb", dem wir uns angesichts der Europäisierung und der Globalisierung ausgesetzt fühlen und ausgesetzt sind. Und die Politik suggeriert dem geneigten Wahlvolk nur zu gerne, sie könne uns vor dem "kalten Wind der Globalisierung" schützen. Aus Angst vor der eigenen Courage oder auch - zugespitzt - verdrängter Verantwortung tut die Politik gerade angesichts großer struktureller Herausforderungen gerne so, als könne der Staat mit einem Feintuning an dem einen oder anderen Punkt den Status quo ante sichern und somit gefühlte Risiken ausschließen.

Wo wird Ihrer Ansicht nach derzeit besonders heftig und falsch getunt?

Die aktuell prägnantesten Beispiele sind erstens die Initiative zur Abwehr und zum Schutz vor so genannten roten oder gelben Staatsfonds und zum zweiten der Vorschlag einer "stimmrechtslosen Volksaktie" bei der Bahnprivatisierung. Beide Vorschläge stellen unseren Status als Exportweltmeister nachhaltig zur Disposition. Und sie sind Sargnagel einer in unserem Land sowieso nicht sehr ausgeprägten Aktienkultur. Außerdem stehen beide Vorschläge für ein hohes Maß an politischem Populismus, mit dem die aktive Gestaltung von Globalisierung und ökonomischen Veränderungsprozessen verhindert wird. Alles in der Hoffnung: Die Wirtschaft macht das schon.

Die Wirtschaft trifft am mangelhaften Diskurs mit der Politik also keine Schuld?

Doch, natürlich. Nicht wenige Konzerne haben es in der Vergangenheit versäumt, mit ihren Positionen und ihrem unternehmerischen Handeln eine Win-win-Situation für unser Land darzustellen. Nicht selten wurde ein Pingpong-Spiel gespielt, was die Verantwortungs- und somit auch die Schuldfragen angeht.

Im Ausland erleben wir oft einen ganz offenen Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft, in Deutschland dagegen muss man sich im Hinterzimmer verschanzen. Warum ist das Verhältnis so kompliziert?

Es gibt kein Verständnis für die jeweiligen Problemstellungen und Interessen, das Verhältnis ist vornehmlich durch wechselseitiges Misstrauen und Unverständnis gekennzeichnet. Es fehlt die Debatte über die Aufgaben von Staat und Politik, über die Gemeinwohl- beziehungsweise Shareholder-Orientierung der Unternehmen, über die Chancen und Risiken der globalisierten Wirtschaft und auch über die verloren gegangene Identitätsstiftung so mancher Unternehmen auf dem Weg von der Region in die globalisierte Welt. Auch das aus vielerlei Gründen bestehende Schwarz-Weiß-Denken in Gesellschaft und Politik - groß ist böse, klein ist gut - muss aufgelöst werden. Wir brauchen eine neue Kultur der Offenheit, der Transparenz, des Diskurses, wir brauchen eine gemeinsame Verantwortungskultur in Wirtschaft und Politik. Und dazu bedarf es einer nachhaltigen Brückenbildung zwischen Politik und Wirtschaft.

Was müssen Unternehmen tun, die bei einem erfolgskritischen Vorhaben gleich gegen eine Wand von Gegnern aus Politik und Gesellschaft laufen?

Das Problem bei den so genannten erfolgskritischen Vorhaben ist, dass sie als solche meist erst erkannt werden, wenn sie gegen die Wand gefahren sind. Jedes Unternehmen lebt heute auch von der aufgeklärten Bürgergesellschaft, es lebt - egal, wie groß es ist - auch von seiner regionalen Verankerung. Die Zeiten sind vorbei, in denen man unternehmerische Vorhaben so wie einen Hauptgang in einem Sterne-Restaurant präsentieren konnte. Investitionsentscheidungen unterliegen heute zwingend einem Diskurs über die strategischen Ziele, die Wege zum Ziel, die Unternehmenswerte, das Leistungsprofil sowie den Kundennutzen. Unternehmen müssen sich heute - um nicht ständig mit ihren erfolgskritischen Vorhaben vor die Wand zu laufen - diesen kommunikativen Herausforderungen stellen. Sie müssen realisieren, dass die Anforderungen an die Unternehmensethik und die Haltung zu gesellschaftspolitischen und umweltpolitischen Fragen steigen. Kurzum: Wer seine Absichten nicht immer wieder hinreichend erklärt und sein Verantwortungsbewusstsein darlegt, muss sich nicht wundern, wenn er auf Widerstand stößt.

Sind die großen Verbände noch das richtige Instrument, um sich in die politische Meinungsbildung einzuschalten?

Verbände sind aus der bundesdeutschen Landschaft nicht mehr wegzudenken. Die entscheidende Frage ist allerdings: Wodurch legitimieren sie sich? Ist eine Zwangsmitgliedschaft in einem Verband zeitgemäß? Ist die Behauptung "wir vertreten das Interesse der deutschen Wirtschaft" nicht nur angesichts der Komplexität von Unternehmensstrukturen und Unternehmensinteressen ein Widerspruch in sich?

Was sind die großen ökonomischen Baustellen am Standort Deutschland, an denen Politik und Wirtschaft dringend gemeinsam arbeiten müssen?

Die größte Herausforderung ist, endlich mit der Lebenslüge aufzuhören, dass durch bloßes Feintuning Lebensrisiken ausschaltbar wären. Die Geschichte der Menschheit zeigt vielmehr, dass es große Schnitte gibt und geben muss, um Gesellschaft und Ökonomie weiterzuentwickeln. Politik und Wirtschaft verharren aber entweder in einer Stagnation oder verabschieden sich aus ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung, wenn sie allenthalben Scheinsicherheiten und Scheinberechenbarkeiten suggerieren.
Wirtschaft und Politik müssen im gesellschaftspolitischen Diskurs die "Angst vor dem Weiterdenken" aufgeben und somit die Gesellschaft in der Angst vor Globalisierung abholen und in die Gestaltung derselben mit einbeziehen. Politik und Wirtschaft haben heute die große Chance, einen Relaunch von Made in Germany vorzunehmen - eine riesige Chance!

Können Sie da auf der Beraterseite tatsächlich mehr ausrichten als im Parlament?

Ich habe in den 13 Jahren Bundestag und Regierungsbeteiligung gelernt, dass Politiker und Journalisten davon zehren, dass sie sich und ihre Wirkungskraft- und Wirkungsmacht überschätzen. Ich möchte meine neue berufliche Herausforderung nicht mit der Wiederholung des bekannten Fehlers beginnen.



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Margareta Wolf ist Principal bei Deekeling Arndt Advisors
(Phone +49 30 921012-456,  margareta.wolf(at)deekeling-arndt.de)